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Augustiner-Chorherrenstift Waldsee - Geschichte

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Abbildung  Button Stiftskirche St. Peter: Langhaus-Querschnitt. Plan eines Baumeisters Thumb aus Altdorf, 1796.
An der um 926 erstmals belegten Pfarrkirche in Waldsee, Teil der Grundherrschaft des elsässischen Klosters Weißenburg, bildete sich wahrscheinlich Mitte des 12. Jh. eine Kommunität von Klerikern. Die rechtliche Gründung des Stifts erfolgte aber erst durch Kaiser Friedrich I., der 1178 in den Besitz der ehemals weißenburgischen, dann welfischen Güter und Rechte in Oberschwaben gekommen war. Er errichtete am 12. Mai 1181 an der "basilica popularis ein collegium", das einem Propst unterstehen und nach der Augustinerregel leben sollte.

Bei der Gründung mit Gütern und Rechten wohl nur bescheiden ausgestattet, verschlechterte sich die Lage des Stifts seit Mitte des 13. Jahrhundert. Es erreichte Mitte des 14. Jh. eine Besserung seiner Situation, erlebte in der zweiten Hälfte des 15. Jh. seine erste Blütezeit und konnte bis Mitte des 16. Jh. umfangreiche Güter und Zehntrechte erwerben. Diese Besitzungen lagen überwiegend in Waldsee und Umkreis sowie in Markdorf (Pfleghof seit 1509). In Reute war dem Stift die Pfarrkirche inkorporiert. Hier hatte es seit 1467, definitiv 1650, die niedere Gerichtsbarkeit inne.

Wahrscheinlich ging die Vogtei über das Stift 1178 von den Welfen bzw. von deren Waldseer Ministerialen auf die Staufer über, durch die das Stift zeitweise den Statuts eines Reichsstifts erhielt. Möglicherweise übten die Herren von Waldsee die Vogtei über das Stift schon im Auftrag der Staufer aus. Sie wurde ihnen seit 1282 von den deutschen Königen wiederholt verpfändet. Als Bestandteil der Herrschaft Waldsee kam sie 1331 an das Haus Österreich, das die Kastvogtei bzw. die Landesherrschaft behielt, als die Herrschaft 1384/86 - 1680 an die Truchsessen von Waldburg verpfändet wurde und diese in dieser Zeit auch die Schirmvogtei über das Stift ausübten.

Das Stift - zunächst als "collegium" und "claustrum", später meist als "monasterium", "praepositura"," canonia" und - seit 1621 - als Abtei bezeichnet - war dem hl. Petrus geweiht (deshalb im Wappen in Rot zwei gekreuzte silberne Schlüssel). Es lebte nach der Augustinerregel und war - mit Ausnahme der Lateranensischen Kongregation (seit 1682) - keinem Ordensverband angeschlossen. Die seit 1454 mit anderen Stiften des Ordens abgeschlossenen Gebetsverbrüderungen hatten meist wohl nur kurze Zeit Bestand. Waldsee wurde im 15. Jh. zweimal reformiert: 1422 durch Kardinal Branda di Castiglione auf Grund der Reformbeschlüsse des Konzils von Konstanz und 1492 unter Mithilfe des Stifts Neustift (bei Brixen).

Über die Zusammensetzung des Konvents ist wenig bekannt. Die meisten Pröpste, die bis 1428 dem Stift vorstanden, waren (nieder-)adeliger Herkunft. Danach stammten fast alle Pröpste, Äbte und Kanoniker aus dem städtischen Bürgertum oder waren bäuerlicher Herkunft.

Das Stift (seit 1621 infulierte Abtei) erlebte bis etwa 1630 eine Zeit wirtschaftlicher Prosperität, theologisch-wissenschaftlicher Blüte und einer anscheinend auch für andere Stifte vorbildlichen Ordensdisziplin. Der Versuch von Wiedertäufern aus der Schweiz, 1530 zusammen mit Anhängern aus der Stadt Waldsee in der Stiftskirche gewaltsam die neue Lehre einzuführen, wurde blutig niedergeschlagen. Unter den Chorherren selbst fand die Reformation wohl nur zwei Anhänger (darunter Hans Willing, den späteren kurpfälzischen Hofprediger), die um 1546 das Stift verließen.

Der Erwerb von Handschriften und Drucken durch das Stift ist seit der zweiten Hälfte des 15. Jh. nachgewiesen, eine Bibliothek erstmals 1492 genannt. Nach dem 30-jährigen Krieg sorgte anscheinend besonders Abt Wiedemann (1652-1680) für die Bibliothek. Sie enthielt bemerkenswert viele Inkunabeln. Über den Umfang der Bibliothek liegen jedoch keine Angaben vor. Bekannt ist nur, dass 1788 ein Teil von ihr (etwa 2500 Titel) in einem Katalog erfasst wurde, sie danach größere Verluste erlitt und dass 1791 Bücher mit einem Gesamtgewicht von 145 Zentnern in die Universitätsbibliothek Freiburg gebracht wurden.

Von den Mitgliedern des Stifts zeichneten sich einige durch besondere Leistungen aus. Am bekanntesten ist Propst Konrad Kügelin (1366-1428), Beichtvater und Förderer der Guten Beth von Reute sowie Verfasser einer Vita dieser Seligen. Erwähnung verdienen auch Augustin Frick (+ 1512) und Propst Hieronymus Schlaich (+ 1550) als Verfasser von Predigtsammlungen, Sebastian Fieger (+ 1602) als Berater der Konstanzer Kurie in theologischen Fragen, Jonas Hänlin (+ 1608), der eine Reihe geistlicher Dichtungen und eine Genealogie der Truchsessen von Waldburg verfasste, Michael Hepp (+ 1608), Autor einer Predigtsammlung und anderer theologischer Werke, der Mathematiker Matthias Beusch (+ 1615), der eine astronomische Uhr konstruierte, der vielseitig gebildete Heinrich Scheffler (+ 1635), der einen Traktat über die Wunder der Guten Beth schrieb, und Sebastian Hackenzan (1610-1669), der mehrere umfangreiche Arbeiten zur Geschichte seines Ordens hinterließ.

Dem Stift oblag die Seelsorge an den ihm inkorporierten Pfarrkirchen in Waldsee (seit der Gründung) und Reute (seit 1351). Der Pfarrei Waldsee waren mehrere Kapellen und Kaplaneien zugeordnet.

Schon unmittelbar nach dem Tod (1420) der im Ruf einer Heiligen und Wundertäterin gestorbenen Elisabeth Achler (Gute Beth) setzte ihre Verehrung und die Wallfahrt zu ihrem Grab im Terziarinnenkloster Reute ein. Das Stift förderte vor allem seit dem 17. Jh. die Wallfahrt und betrieb seit 1623 einen Seligsprechungsprozess in Rom.

In Waldsee entstand bereits 1460 die 1482 mit einer Kaplanei ausgestattete St. Sebastians-Bruderschaft, vielleicht in der gleichen Zeit auch die 1524 erstmals erwähnte St. Jakobs-Bruderschaft. Vor 1511 wurde eine St. Barbara-Bruderschaft, 1579 die Waldseer Rosenkranz-Bruderschaft gegründet, und vermutlich im 18. Jh. entstanden die Trifoedus-Bruderschaft, die Familie-Christi-Bruderschaft, die Nächststerbende-Bruderschaft und in der Pfarrei Reute eine weitere Rosenkranz-Bruderschaft. Sie wurden mit Ausnahme der St. Sebastians-Bruderschaft alle 1784 durch Kaiser Joseph II. aufgehoben. Die Bruderschaften wurden zum Teil von eigenen Kaplänen betreut; nur die Rosenkranz-Bruderschaft leiteten Chorherren des Stifts.

Durch Dekret vom 19. Juli 1788 hob Kaiser Joseph II. das Stift auf - allerdings nicht im Zuge der josephinischen Reformen, sondern weil die Chorherren selbst seine Aufhebung gewünscht und eine kaiserliche Kommission vielfache Missachtung der Ordensregeln und eine tiefgreifende Zerrüttung des Gemeinschaftslebens festgestellt hatten. Der Konvent bestand damals aus dem Abt, 16 Kanonikern, drei Laienbrüdern und sechs Novizen.

Das Stift besaß bei seiner Aufhebung nach Abzug der Schulden als reines Stiftsvermögen 532.000 Gulden. Mit Ausnahme der in der Landvogtei Schwaben gelegenen Besitzungen, deren Wert auf 106.214 Gulden geschätzt wurde, wurden alle Güter und Rechte in den Jahren 1787-1789 zu Gunsten des österreichischen Religionsfonds verkauft, und zwar zum größten Teil an die beiden Linien der Grafen von Waldburg-Wolfegg, zum Teil an Waldseer Bürger.

Die heutige Pfarrkirche wurde 1479-1483 von Propst Fuchs an der Stelle der alten Kirche als spätgotische Hallenkirche mit einem Turm an der Westseite errichtet. Im 16. Jh. wurde die Kirche durch den Bau eines linken Nebenchors (Marienkapelle) und einer Grablege für die Truchsessen von Waldburg erweitert. Seit 1710 wurde sie innen wie außen barockisiert, allerdings ohne dabei ihre gotischen Grundformen zu verlieren. 1736 erfolgte der Umbau der alten Sakristei zum rechten Nebenchor bzw. zur Sebastianskapelle. Nach dem Einsturz des alten Turms (1757) verlängerte man die Kirche nach Westen, gab ihr eine neue Fassade mit zwei Türmen und stattete sie mit zwei Emporen (Herren- und Nonnenempore, darüber Orgelempore) aus.

Auf Grund der örtlichen Gegebenheiten gruppierten sich die Stiftsgebäude samt Wirtschaftshof wohl von Anfang an um die Kirche herum. Größere Um- und Neubauten (darunter 1592 eine Prälatur, 1614 eine Bibliothek) erfolgten ab 1550 bis Anfang des 17. Jahrhunderts. Der Großteil dieser Anlage wurde im 18. Jh. durch Neubauten ersetzt und zu einer Dreiflügelanlage ausgestaltet mit der Kirche im Zentrum. Auf der Südost- und Südseite, an die Stadt angrenzend und vom Refektorium durch den "äußeren Hof" getrennt, lagen Wohngebäude für die Klosterbediensteten und Ökonomiegebäude.

Diese Ökonomiegebäude wurden 1806 durch Feuer zerstört, ebenso 1906 ein Teil des Ostflügels (am See) und der Südflügel (Gästehaus und Refektorium mit dem repräsentativen "Kaisersaal"). Erhalten sind so von der Stiftsanlage außer der Kirche nur noch der Nord- und ein Teil des Ostflügels (Bibliotheks- und Konventsbau, im 19. Jh. zum Teil zu Wohnungen umgebaut, zum größeren Teil zeitweise als Kaserne, dann als Landschule und heute u. a. für das Stadtarchiv und die Volkshochschule genutzt), vom Osttrakt ein großes Gebäude, das vermutlich für die Stiftsverwaltung und die Stiftsbediensteten erstellt wurde, und die 1748 erbaute Prälatur (heute Apotheke). An Stelle des 1906 abgebrannten Südflügels wurde damals die Stadtschule errichtet (heute Gemeindehaus der Pfarrgemeinde St. Peter).

Diesen Gebäuden kommt unter kunsthistorischem Aspekt keine besondere Bedeutung zu. Die barock umgestaltete Kirche ist dagegen sowohl wegen ihrer Westfassade mit den über Eck gestellten Türmen (vom Schussenrieder Baumeister Jakob Emele nach Vorentwürfen von Franz Anton Bagnato) wie wegen ihrer Ausstattung bemerkenswert. Hervorzuheben sind insbesondere der Hochaltar (von Dominikus Zimmermann?) mit einer Marienkrönung von Jakob Bendel (1616), das - aus der Werkstatt des Niklas Düring stammende? - Bronze-Epitaph des Truchsessen Georg I. von Waldburg (+ 1467) sowie Plastiken, Malereien und Stukkaturen von Johann Baptist Zimmermann, Georg Reusch u. a.

JOACHIM FISCHER     
LITERATUR
-<Württ. Klosterbuch> 493-496 (J. FISCHER).
- <KDW Waldsee> 30-44.
- J. G. BALLUFF: Zur Geschichte der katholischen Stadtpfarrei Waldsee. Waldsee 1936.
- M. BARCZYK / P. SCHURER: Kirche und Stift St. Peter zu Waldsee (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bad Waldsee B/3). Bad Waldsee 1979.
- H. SCHNELL: Bad Waldsee (Schnell-Kunstführer 517). München 3. Aufl. 1980.
- H. TÜCHLE: Die Klöster Waldsee und Reute im Mittelalter (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bad Waldsee B/4). Bad Waldsee 1981.
QUELLEN
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart B 32 Bü 186: Österreichische Lehen in Württemberg II (ohne Hohenberg)
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart B 513: Waldsee, Augustinerchorherrenstift
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 14 Bd. 249: Diplomatare
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 235: Lagerbücher der Klöster und Stifte: Waldkirch-Würzburg
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 1: Allgemeine Sammlung von ungedruckten Schriften zur Landesgeschichte (Nr. 251)
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart N 11 Nr. 37: Land- und Flurkarten betreffend Neuwürttemberg
-Generallandesarchiv Karlsruhe 225: Überlingen, Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 229: Spezialakten der kleineren Ämter und Orte
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