Klöster in Baden-Württemberg
Orden   Mönchsorden   Regulierte Chorherren   Benediktiner   Prämonstratenser   Klöster im Stadtkreis Heidelberg   

Benediktinerpropstei St. Michael auf dem Heiligenberg - Geschichte

  Zurück
Die Geschichte der Benediktinerpropstei St. Michael ist - wie auch die der in unmittelbarer Nähe befindlichen Benediktinerpropstei St. Stephan - eng mit der ihres Mutterklosters Lorsch verbunden. St. Michael wurde an einem Ort gegründet, der seit vorgeschichtlicher Zeit immer wieder über längere Zeiträume hinweg besiedelt war und kultische Bedeutung hatte: der Heiligenberg. Die zwei Kuppen eines über das Neckartal zur Rheinebene herausragenden Ausläufers des Odenwaldes wurden von einem Ringwallsystem umfasst, das vermutlich in die frühe Latène-Zeit zu datieren ist. Römerzeitlich ist auf dem nördlich gelegenen Hauptgipfel ein Mercurius-Kult (Mercurius Visucius und Mercurius Cimbrianus) nachgewiesen, dessen Heiligtum den Kern der späteren Klosteranlage bilden sollte. Steine mit Weihinschriften fanden als Spolien für den Bau der Kirche Verwendung. Zu Beginn des Mittelalters wurde der Ringwall ergänzt, sodass eine dauerhafte Nutzung des Areals zu Verteidigungszwecken anzunehmen ist. Die karolingerzeitlich Aberinsberg oder Abrahamsberg ("Abrahae mons") genannten beiden Gipfel befanden sich in Königsbesitz, bis Ludwig der Jüngere sie 882 mit Häusern, Gebäuden und anderweitigem Zubehör an das Reichskloster Lorsch schenkte.

Nach dem Lorscher Codex, der Hauptquelle für die Frühgeschichte der klösterlichen Niederlassung auf dem Heiligenberg, hatte bereits zuvor Abt Thiotroch (863-875) auf dem nördlichen Gipfel ein Kloster oder eine Kirche ("monasterium in monte Abrahae") errichtet. Ab 890 ist deren Existenz und das Michaelspatrozinium zweifelsfrei nachzuweisen, als das Kloster Lorsch mehrere Güter im Umland des Heiligenberges erhielt. 912 schenkte König Konrad I., als sich dieser dort aufhielt, dem Mönch Sigolf vom Heiligenberg sechs Hufen zu Handschuhsheim, die nach dessen Tod an Lorsch fallen sollten.

Lebten also bereits zuvor Mönche auf dem Heiligenberg, erfolgte die Erhebung zur Propstei, d. h. einem vom Mutterkloster abhängigen Konvent, erst unter dem Abbatiat des Reginbald von Lorsch (1018-1033). Kaiser Heinrich II. gab hierzu 1023 seine Zustimmung und bestätigte die Ausstattung. Die Propstei von St. Michael war vornehmlich in der näheren Umgebung - so in Handschuhsheim und der angrenzenden Rheinebene - begütert, hatte aber auch Streubesitz im Lobdengau.

In die Zeit der Begründung der Propstei fällt auch die Ausstattung der Heiligenberger Benediktiner mit Kultgegenständen und Büchern. Die heute in der Biblioteca Apostolica Vaticana aufbewahrte Handschrift des Psalters St. Michael könnte damals von Lorsch an den Neckar gelangt sein. Ein den Psalmen vorgebundener Kalender beweist die Nutzung des Codex in St. Michael. Die darin vermerkten Gedenktage für verstorbene Stifter zeugen von der Wertschätzung, die dem Kloster durch Wohltäter aus Handschuhsheim, Neuenheim, Rohrbach, Edingen und Schriesheim entgegengebracht wurde. Eventuell ist auch ein Evangelistar, das nun in München verwahrt wird, Heiligenberger Provenienz.

Unter das Abbatitat Reginbalds fällt der großangelegte Um- und Ausbau der Klostergebäude, über deren Verlauf wir dank mehrerer archäologischer Untersuchungen der verbliebenen, teilweise aufgehenden Mauerreste, gut unterrichtet sind: Die seit karolingischen Zeiten bestehenden Gebäude ersetzte eine großzügige, dreiflügelige Klausur. Die Klosterkirche weist seit dem 9. Jh. eine dreischiffige Anlage mit östlichem Querhaus und Seitenapsiden auf. Der über der Ostkrypta, in der das Grab des 1068 von Hirsau nach St. Michael geflohenen und später als Heiligen verehrten Abts Friedrich vermutet wird, errichtete rechteckige Chor ragt in den Hof der Klausur hinein. Dem langhausbreiten Westwerk mit zwei flankierenden, übereck postierten achteckigen Treppentürmen und eigener Krypta ist ein als Friedhof genutztes Atrium vorgelagert. Nicht nur die eigentlich Kathedralkirchen vorbehaltenen Krypten sind ungewöhnlich, sondern auch der Umstand, dass sich die Klausurgebäude in einer Flucht direkt im Osten an die Kirche anschließen, sodass sich für die Anlage eine Gesamtlänge von über 95 Metern ergibt.

Der Niedergang des Mutterklosters Lorsch läutete auch das Ende der Benediktiner auf dem Heiligenberg ein. Nachdem Lorsch zu einer Prämonstratenser-Propstei geworden war, dauerte es nicht mehr lange, bis der letzte Benediktiner St. Michael verließ. Vielleicht war der 1266 letztmals genannte Propst von St. Michael schon Angehöriger des Prämonstratenserordens. Dieser fassten die beiden Heiligenberger Klöster von Lorsch aus zusammen, die hinfort von einem Schaffner des dortigen Konvents verwaltet wurden. Zwar bildete das Kloster im Spätmittelalter den Mittelpunkt für reiche Formen populärer Frömmigkeit (etwa die als "Rolloß" bezeichnete Prozession montags in der Bittwoche von Handschuhsheim auf den Berg oder Wallfahrten zu Allerheiligen); auch spielte es dank des regelmäßig abgehaltenen Marktes noch eine gewisse Rolle im Wirtschaftsleben des nahen Umlandes und hatte - wie einige Stiftungen der pfalzgräflichen Familie belegen - nach wie vor eine gewisse kultische Bedeutung. Doch bereits 1537 war das inzwischen ruinös gewordene Kloster vollständig verlassen.

ANDREAS SCHMIDT     
LITERATUR
-<KB Heidelberg-Mannheim> II, 113-116.
- <GermBen>, 269-273 (M. SCHAAB).
- W. BERSCHIN: Psalterium vom Heiligenberg. In: E. MITTLER (Hg.): Bibliotheca Palatina. Katalog zur Ausstellung vom 8. Juli bis 2. November 1986, Heiliggeistkirche Heidelberg, Bd. 1. Heidelberg 1986, 128f.
- H. MAURER: Heiligenberg (B). Stadt Heidelberg (-Handschuhsheim). Stadtkreis Heidelberg. In: Die deutschen Königspfalzen, Bd. 3: Baden-Württemberg, 2. Lieferung. Göttingen 1993, 165-175.
- P. MARZOLFF: Die benediktinischen Bergklöster auf dem Heiligenberg bei Heidelberg. In: Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich 12 (1996), 129-145.
- DERS.: Heiligenberg. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 14. Berlin / New York (2. Aufl.) 1999, 183-185.
- DERS.: Lebensformwechsel: auch ein archäologisches Phänomen? Der Fall der Heiligenbergklöster. In: S. LORENZ / P. KURMANN / O. AUGE (Hg.): Funktion und Form. Die mittelalterliche Stiftskirche im Spannungsfeld von Kunstgeschichte, Landeskunde und Archäologie (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 59). Ostfildern 2007, 133-147.
- R. LUDWIG / P. MARZOLFF: Der Heiligenberg bei Heidelberg (Führer zu archäologischen Denkmälern in Baden-Württemberg 20). Stuttgart (2. Aufl.) 2008.
QUELLEN
-Generallandesarchiv Karlsruhe 204: Heidelberg, Stadt
  ZurückSeitenanfang