Klöster in Baden-Württemberg
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Franziskanerinnenkloster St. Gallus Überlingen - Geschichte
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Der Legende nach soll bereits Herzog Gunzo nach 629 als Dank für die Heilung seiner Tochter durch den hl. Gallus ein Nonnenkloster auf dem Hügel westlich der Stadt gegründet haben, der später nach dem Heiligen Gallerberg genannt wurde. Im Spätmittelalter stand hier eine dem hl. Gallus geweihte Kapelle. Hier entstand kurz vor 1375 eine Schwesterngemeinschaft, die sich möglicherweise von den Schwestern "auf der Wiese" abgespalten hatte. 1375 ließ eine Überlinger Bürgerin den Klausnerinnen zu St. Gallus einen Zins zukommen. Bald nach ihrer Gründung geriet die Gemeinschaft 1396 in den Verdacht, es handle sich um eine verbotene Beginengemeinschaft. Aber der Konstanzer Generalvikar bestätigte 1406, dass die Schwestern zu St. Gallus einen Terziarinnenkonvent nach der päpstlich approbierten dritten Regel des hl. Franziskus bildeten. Von Anfang an gab es zwei Gruppen von Mitgliedern des Konvents, die Klausnerinnen genannten Schwestern, die sich zu lebenslanger Klausur verpflichteten, und die sogenannten Vorschwestern, die den Kontakt zur Außenwelt aufrecht erhielten. Seit dem 15. Jahrhundert legten sie alle feierliche Gelübde ab. Im Unterschied zu den anderen Schwesternkonventen in Überlingen war die Gemeinschaft zu St. Gallus ein vornehmlich kontemplativ ausgerichteter Konvent. Die Überlinger Franziskaner wirkten als Beichtväter. Anfangs übten sie auch die Seelsorge im Kloster aus. Aber nach einem Konflikt mit dem Pfarrklerus und der Stiftung einer Kaplaneipfründe 1406 in der Gallus-Kapelle wirkte stets ein Weltpriester in der Kapelle. Ihm wurde 1519 auch die Seelsorge der Schwestern übertragen worden, da sich die Franziskaner dazu nicht mehr in der Lage sahen.
Mit immer zwischen zehn und zwanzig Schwestern war St. Gallus der größte Frauenkonvent in Überlingen. Auch Frauen des Patriziats und des vermögenden Bürgertums traten ins Kloster ein, in der frühen Neuzeit nur noch der Mittelschicht und zunehmend des Umlandes. Dank der eingebrachten ansehnlichen Aussteuern und Spenden der Bürger konnte ein vergleichsweise beachtliches Vermögen erworben werden. Dennoch blieben die Schwestern auf Handarbeit bis zu ihrem Lebensunterhalt angewiesen.
In der Reformationszeit trat eine Schwester 1526 aus und heiratete, was zu einem großen Prozess über ihre Aussteuer führte. In der Gefahrensituation der Rückeroberung Württembergs durch Herzog Ulrich ließ die Stadt 1534 die Klostergebäude auf dem Gallerberg abreißen. 1535 konnten die Schwestern ein neues Kloster mit einer neuen Kirche in der westlich gelegenen Fischerhäuser-Vorstadt errichten. Wurden vorher die Konventualinnen in Klosterfriedhof der Franziskaner bestattet werden, so mussten sie nun im städtischen Friedhof beerdigt werden. Darüber kam es im 17. Jahrhundert zu langwierigen Streitigkeiten, da die Stadt den Klosterfrauen einen eigenen Friedhof verweigerte. Ebenso stritten die Franziskaner, die nun wieder die Seelsorge übernehmen wollten, mit Stadt und Pfarrer über die gegenseitigen Rechte und mit der Stadt über die Kontrolle der Wirtschafts- und Rechnungsführung der Schwestern. 1620 und 1687 kam es zu Verträgen, die aber weiteren Streit nicht ausschlossen.
1781 wurden Konventsgebäude und Kirche umfassend renoviert. Als Joseph II. in den habsburgischen Herrschaftsgebieten die Terziarinnengemeinschaften auflöste, veranlasste der Magistrat, dass der Konvent zu seiner Bestandsicherung eine förmliche Lehranstalt für Mädchen einrichtete, nachdem schon vorher Mädchen im Lesen, Schreiben und weiblichen Arbeiten unterrichtet worden waren. Die Stadt erbaute auf dem Klostergelände ein Mädchenschulhaus, zu dessen Kosten die Schwestern beizutragen hatten. 1803 fiel nach den Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses das Kloster an den Deutschen Orden fiel, damals befanden sich dort 13 Schwestern und zwei Mägde. Das Vermögen wurde auf 64.000 Gulden geschätzt. Baden erwarb 1806 die Ritterordens-Besitzungen und hob 1808 das Frauenkloster St. Gallus auf. Von den Insassen wollte keine in die als Sammelklöster vorgesehen Häuser gehen, sie erhielten bei ihrem Austritt eine Pension von jährlich 200 Gulden, die "Mutter" 300 Gulden. Die Bitte der Stadt um Beibehaltung der Lehrschwestern lehnte die badische Verwaltung ab. 1817 wurden Gebäude und Kirche versteigert, die Kirche später abgebrochen. Heute stehen auf dem ehemaligen Klostergelände die 1867 erbaute evangelische Kirche und das ehemalige Amtsgefängnis von 1892/93.
ELMAR L. KUHN     
LITERATUR
-B. STENGELE: Linzgovia Sacra. Beiträge zur Geschichte der ehemaligen Klöster und Wallfahrtsorte des jetzigen Landkapitels Linzgau. Überlingen 1887.
- <AFA> 14 (1970), 261-273 (S. Keck / G. Koberg).
- H. SCHMID: Die Säkularisation der Ordenshäuser in Überlingen in den Jahren 1803-1820. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees 94 (1976), 79-82.
- W. ENDERLE: Konfessionsbildung und Ratsregiment in der katholischen Reichsstadt Überlingen (1500-1618) (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg B 118). Stuttgart 1990.
- A. WILTS: Beginen im Bodenseeraum (Bodensee-Bibliothek 37). Sigmaringen 1994.
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