Klöster in Baden-Württemberg
Regulierte Chorherren   Prämonstratenser   Klöster im Ortenaukreis   

Prämonstratenserabtei Allerheiligen - Geschichte

  Zurück
Abbildung  Button Die Ruinen der Prämonstratenserabtei Allerheiligen. Zeichnung von P. Wagner.
Das Prämonstratenserstift Allerheiligen, "cella/abbatia Omnium Sanctorum, Allerheylgen", wurde nach dem Tod Herzog Welfs VI. (1191) von seiner Witwe Uta von Schauenburg, Tochter Pfalzgraf Gottfrieds von Calw, gegründet. Überliefert ist die undatierte Gründungsurkunde Utas nur in spätmittelalterlichen Abschriften. Kaiser Heinrich VI. - nach der welfischen Absprache mit Kaiser Friedrich Barbarossa auch Erbe Utas - firmierte sie im Juni 1196. Die Gründungsphase ist folglich in die Jahre 1192-1196 zu datieren. Bedeutend in der Ausstattung des ärmlichen, vogtfreien Stifts war das Patronatsrecht über die Nußbacher Pfarrei, die das ganze Renchtal umfasste. Chorherren aus dem Prämonstratenserstift Oberzell bei Würzburg besiedelten die Gründung, vielleicht auch welche aus Marchtal, denn der Marchtaler Propst Dietrich (1242-1251) verzichtete auf die Paternitätsrechte über Allerheiligen. Allerdings war Allerheiligen bereits seit 1217 Prémontré direkt unterstellt, wie das älteste Verzeichnis des Ordens belegt. Die Verzeichnisse des 13. Jh. rechnen Allerheiligen der Zirkarie Schwaben und der Diözese Straßburg zu, der Katalog von 1320 erstmals der Zirkarie Wadgassen; seit dem 16. Jh. gehörte Allerheiligen aber wieder zur Zirkarie Schwaben.

Nach Utas Tod und dem Kaiser Heinrichs VI. 1197 geriet das Stift mitten in die Erbstreitigkeiten. Zwar hatte Philipp von Schwaben das Nußbacher Patronat bestätigt, aber in der Bulle Papst Innozenz III. von 1204 ließen die Chorherren festschreiben, dass Uta mit ihrem Gemahl Welf VI. und den rivalisierenden zähringischen Brüdern Berthold IV. und Hugo von Ulmburg ihr Stift gemeinsam gegründet hätten, um Allerheiligen das Wohlwollen aller zu sichern.

Das Aussterben der Zähringer (1218) warf die Stiftung erneut in eine Krise: 1217 und 1223 urkundete Papst Honorius III. zugunsten des Stifts. Dann folgten 1218, 1224 und 1227 Urkunden Kaiser Friedrichs II. und Heinrichs (VII.). 1225 wiederholte Bischof Berthold I. von Straßburg die Inkorporation von Nußbach und seinen Kapellen in das Stift. Die konfliktreiche Entwicklung setzte sich trotz einiger Erwerbungen in den 1230er Jahren fort, bis Allerheiligen 1239 schließlich den Hof Nußbach von Gräfin Adelheid von Freiburg erwarb und 1327 den dazugehörigen unteren Hof. In den 60er Jahren bestätigten alle zähringischen Rechtsnachfolger Allerheiligen ihren Verzicht auf Nußbach.

Das Stift blieb vogtfrei. Sein Grundbesitz (überwiegend im Renchtal und in der Rheinebene) mehrte sich durch den lokalen Adel und die Straßburger Bischöfe. Das Pfründensystem etablierte sich im 15. Jh. ohne inneren Verfall herbeizuführen.

Allerheiligen besaß die Pfarreien Nußbach, Oberkirch, Oppenau, Appenweier, Achern, Durbach, Ebersweier, die Peterstaler Kirche, die Kapellen von Schauenburg und Lautenbach. Man suchte seit dem 13. Jh. möglichst eigene Chorherren als Pfarrer einzusetzen. Tochterstifte waren das seit 1189 prämonstratensische Hagenau im Elsaß, Lorsch, das 1248 Allerheiliger Chorherren erneuerten, und Allerheiligen in Straßburg, dessen Bettelmönche 1297 Prämonstratenser wurden.

Mehrmals scheiterte die endgültige Verlegung an einen günstigeren Platz im Tal, wie 1470 (nach dem Brand) nach Lautenbach, bis man 1484 beeidigte, das Stift niemals zu verlegen. Künftig musste jeder Konventuale vor seinem Eintritt versprechen, einer Verlegung niemals zuzustimmen.

Aufständische Bauern vernichteten 1525 den Stiftshof Oberkirch und plünderten die Kirchen in Allerheiligen, Oberkirch und Lautenbach. Ende des 16. Jh. kam das Stift infolge des Straßburger Bischofskriegs unter die Herrschaft des lutherischen Markgrafen Johann Georg von Brandenburg. Seine Räte schlossen die Schule in Allerheiligen, erteilten ein Novizenaufnahmeverbot, bedrängten den Konvent und setzten einen Verwalter für das in eine Finanzkrise geratene Stift ein. Die letzten drei Chorherren wählten Jakob Jehle (1594-1595) zum Propst, dem der Markgraf die Anerkennung verweigerte und die Übergabe des Stiftsbesitzes forderte. Der sich weigernde Propst wurde in die Festung Dachstein verschleppt und 1595 ermordet. Man ersetzte die als Pfarrer tätigen Chorherren durch Protestanten und nur die Äbte der Schwäbischen Zirkarie verhinderten mit Hilfe Kaiser Rudolfs II. und des Abtes Johannes Lohelius von Strahov in Prag die Auflösung des Stifts.

Allerheiligens Besitz wurde restituiert und der Strahover Prior Johannes Schüßler dort Propst. Das Amt Oberkirch kam wegen einer erst 1665 endenden Pfandschaft unter württembergische Verwaltung. Der Ordensreformer Servais de Lairuelz (1560-1631), Abt von Pont-à-Mousson in Lothringen, zwang Schüßlers zweiten Nachfolger Paul Klein nach mehreren Visitationen wegen schlechter Lebensführung zur Resignation und der Konvent wählte Laurentius Scheffler (1613-1639) zum Propst. Lairuelz und Scheffler erneuerten Allerheiligen und mehrere Kanoniker studierten in Pont-à-Mousson. Lairuelz` Forderung der jährlichen Gelübdeerneuerung wurde im Stift befolgt, wo Teilnehmerlisten von 1657 bis zur Säkularisation 1802 überliefert sind. 1657 war Propst Anastasius Schlecht auf dem Generalkapitel der Abttitel verliehen worden.

Streitigkeiten gab es häufiger, besonders wegen Zehnt- und Holzrechten. Das 18. Jh. war überschattet von Konflikten mit den Bischöfen von Straßburg, die das im Reich geltende Recht ignorierten und in die Belange des Stifts eingriffen.

Am 23. November 1802 besetzten Truppen des Markgrafen von Baden das wirtschaftlich gut bestellte Stift, anschließend teilte man Abt Wilhelm Fischer mit, dass die Abtei in staatlichen Besitz übergehe. Der verhältnismäßig junge Konvent (Durchschnittsalter 44 Jahre), der bis zum Ende des Schuljahres 1803 im Stift blieb, fand überwiegend Anstellung als Pfarrer und Lehrer, nur dem Abt und sechs älteren Priestern war erlaubt worden, gemeinsam im Rektoratshaus der Wallfahrtskirche Lautenbach zu leben, ohne aber Novizen aufzunehmen. In Allerheiligen wurden zwei Kapuziner mit der Seelsorge betraut.

Die Äbte waren oft aus dem Bürgertum der umliegenden Städte hervorgegangen. Die Konventsgröße schwankte zwischen zwölf (1484) und 29 Konventualen (1803). 1519 lebten nur neun Konventualen, und nach dem Aufnahmeverbot um 1600 nur drei Kanoniker im Stift. 1653 zählte man schon wieder dreizehn, 1709 neunzehn, 1743 dreiundzwanzig, 1789 neunzehn und 1803 neunundzwanzig Konventualen.

Kulturell-religiöse Bedeutung erreichte der Konvent durch das 1594 erwähnte Gymnasium, dessen Wurzel vielleicht in der spätmittelalterlichen Lateinschule liegt. In Allerheiligen studierten Prämonstratenser aus der schwäbischen Zirkarie und aus Bayern. Die Reste der Bibliothek finden sich heute in Karlsruhe und Heidelberg.

Außerdem betreuten die Chorherren die Wallfahrten nach Allerheiligen und diejenige nach Lautenbach. Im 30-jährigen Krieg entstanden mit Genehmigung des Straßburger Bischofs die "Sterbstund-Bruderschaft" in der "marianischen Wunderkapell zu Lautenbach" und die "Erzbruderschaft vom Hochheiligen Rosenkranz", die zahlreiche Ablässe und Privilegien erhielten.

Prior Georg Hempfer (+ 28. März 1648), der in der Abtei Pont-à-Mousson studiert hatte, verfasste Schriften zur geistigen Erneuerung und Propst Norbert Hodapp (1639/40-1653) die ersten von einem Kanoniker geschriebenen historischen Nachrichten über das Stift.

Der Kirchenbau, in der zweiten Hälfte des 13. Jh. zum größten Teil vollendet, wurde wie die Gebäude im 15. und 16. Jh. durch Feuer zerstört, die Erneuerung war erst unter Propst Jodokus Sebold (1572-1589) abgeschlossen. Im späten 18. Jh. wurde das Stift erneut in Stand gesetzt. Als ein weiterer Brand nach einem Blitzeinschlag von 1804 die Gebäude zerstörte, wurde die gotische Kirche neu gedeckt und genutzt, aber 1812 profaniert. Für den Kirchenneubau in Ottenhöfen wurde 1814 das Baumaterial aus Allerheiligen genommen, die Kirche zur Ruine. Mitte des 19. Jh. sicherte man letztere, während die Konventsgebäude vernichtet sind (die Grundmauern konnten 1976/77 ergraben werden). Im 19. Jh. entstand aus älteren Bauelementen ein Bau an Stelle des Westflügels, in dem sich heute die Gaststätte befindet. Von der mittelalterlichen Ausstattung der Kirche sind nur die Stifterfigur Utas und die des ersten Propstes Gerung erhalten, beide heute an der Außenwand der Fürstenkapelle Lichtenthals.

INGRID EHLERS-KISSELR     
LITERATUR
-<KDB VII> 214-265.
- W. MÜLLER (Hg.): Die Klöster der Ortenau (Die Ortenau 58). Lahr 1978.
- N. BACKMUND: Monasticon Praemonstratense id est historia circariarum atque canoniarum candidi et canonici ordinis Praemonstratensis. Teil 1. Berlin/New York 1983, 46-49.
- H. SCHWARZMAIER: Die Gründung des Prämonstratenserklosters Allerheiligen. Ein Beitrag zum Thema "Staufer-Welfen-Zähringer". In: G. ALTHOFF (Hg.): Person und Gemeinschaft im Mittelalter. Karl Schmid zum 65. Geburtstag. Sigmaringen 1988, 433-454.
- DERS.: Uta von Schauenburg, die Gemahlin Welfs VI. In: R. JEHL (Hg.): Welf VI. Wissenschaftliches Kolloquium zum 800. Todesjahr vom 5.-8. Oktober 1991 im Schwäbischen Bildungszentrum Irsee. Sigmaringen 1995, 29-42; zugleich in: <ZGO> 142 (1994) 1-17.
- D. KAUST / K. MAIER: 800 Jahre Allerheiligen. Kloster und Kultur im Schwarzwald. Hrsg. v. den Städten und Gemeinden des Renchtales. Offenburg 1996.
QUELLEN
-Generallandesarchiv Karlsruhe 101: Sankt Märgen
-Generallandesarchiv Karlsruhe 119: Ortenau, Landvogtei
-Generallandesarchiv Karlsruhe 154: Kork, Amt und Waldgenossenschaft
-Generallandesarchiv Karlsruhe 160: Maiwald
-Generallandesarchiv Karlsruhe 169: Oberkirch, Amt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 179: Staufenberg, Amt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 200: Freiburg, Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 205: Heidelberg, Universität
-Generallandesarchiv Karlsruhe 215: Oberkirch, Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 216: Offenburg, Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 229: Spezialakten der kleineren Ämter und Orte
-Generallandesarchiv Karlsruhe 34: Allerheiligen
-Generallandesarchiv Karlsruhe 48: Haus- und Staatsarchiv: III. Staatssachen
-Generallandesarchiv Karlsruhe 64: Anniversarienbücher
-Generallandesarchiv Karlsruhe 65: Handschriften
-Generallandesarchiv Karlsruhe 66: Beraine
-Generallandesarchiv Karlsruhe 67: Kopialbücher
-Generallandesarchiv Karlsruhe 68: Repertorien
-Generallandesarchiv Karlsruhe 69 von Neuenstein: Herrschafts- und Familienarchiv von Neuenstein
-Generallandesarchiv Karlsruhe 74: Baden-Generalia
-Generallandesarchiv Karlsruhe 84: Allerheiligen
-Generallandesarchiv Karlsruhe C: Privaturkunden vor 1200
-Generallandesarchiv Karlsruhe D: Kaiser- und Königsurkunden 1200-1518
-Generallandesarchiv Karlsruhe E: Papsturkunden 1198-1302
  ZurückSeitenanfang