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Johanniterkommende Villingen - Geschichte

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Abbildung  Button Historische Ansicht der ehemaligen Johanniterkommende in Villingen.
In der von den Zähringern gegründeten Stadt Villingen, die 1283 als erbliches Reichslehen seiner Familie übertragen werden sollte, gründete Graf Heinrich I. von Fürstenberg am 2. September 1253 "das ritterliche Haus" des Johanniterordens. Diese Niederlassung des mit vielen Privilegien ausgestatteten Ritterordens sollte auch dazu dienen, die Stellung der Grafen gegen die nach Reichsunmittelbarkeit strebende Bürgerschaft in der Stadt zu stärken. In diesen Zusammenhang ist die Urkunde vom 1. August 1257 zu stellen, in der der Rat und die Bürger von Villingen mit Zustimmung des Grafen Heinrich dem Johanniterhaus Freiheit von städtischen Abgaben, Lasten und Dienstbarkeiten wie auch von jeglicher Wehr- und Schutzpflicht zugestanden; also letztlich Privilegien, die der Orden von der Seite von Kaiser und Reich bereits besaß. Die immer wieder aufflackernden Streitigkeiten zwischen Stadt und Kommende waren bereits zu diesem Zeitpunkt schon erkennbar. Die Fürstenberger waren großzügige Förderer des Ordens und machten viele Schenkungen, vor allem bei dem Eintritt ihrer Familienangehörigen. So ist auf Heinrich von Fürstenberg zu verweisen, der von 1255-1259 und dann wieder von 1263-1272 als "Prior Alemanniae", als Vorsteher aller Ordenshäuser im deutschen Sprachraum, amtierte und in der Zwischenzeit als Stellvertreter des Großmeisters des Ordens in Akkon nachweisbar ist.

Graf Heinrich hatte neben einem Grundstück in Villingen auch den Pfarrsatz in Dürrheim den Johannitern übertragen. Bei der Aufnahme des Grafen Egon in den Orden 1306, der dann 1317-1326 selbst Komtur in Villingen war, und später auch noch die Kommenden Freiburg, Klingnau und Schlettstadt erhielt, wurden der Kommende weitere Zuwendungen gemacht. Spätestens 1320 - nach anderen Angaben, die wahrscheinlicher sind bereits um 1260 - wurde das 1212 gegründete Ordenshaus in Schwenningen aufgehoben und seine Güter an die Kommenden Villingen und Rottweil aufgeteilt. Auch das 1316 gegründete Ordenshaus in Lenzkirch wurde 1360 von der Kommende Villingen übernommen. Der Orden konnte die Dörfer Dürrheim (1300), Weigheim (1315), Obereschach (1390) und Neuhausen (1427) sowie die Patronatsrechte in diesen vier Dörfern und in Grüningen, Pfrohren, Lenzkirch, Neuenburg, Au, Nendingen und zur Hälfte in Betzingen bei Reutlingen in seinen Besitz bringen.

Die Baulichkeiten der Johanniterkommende befanden sich innerhalb der Befestigung zwischen dem Bickentor und der Gerbergasse. Die Ordenskirche, wie üblich St. Johann Baptist geweiht und mit zwei weiteren Altären - Maria und hl. Kreuz ausgestattet -, entstand im 13. Jh. und erfuhr in der Spätgotik und im Barock Umbauten und neue Dekorationen. Neben dem Ritterhaus befanden sich Häuser für die Geistlichen und das Gesinde. Unter der Leitung eines Priors gab es einen Konvent von Ordensgeistlichen; bis 1378 sollen auch Ordensschwestern in der Kommende tätig gewesen sein. Nach Ausweis der Generalvisitation von 1495 befanden sich damals neben dem Komtur Wilhelm von Remchingen (1485-1513) drei Ordenskapläne und drei Dienstboten in dem Villinger Ordenshaus. Acht Weltgeistliche und ein Ordenskaplan amtierten in den Kirchen, deren Pfarrsatz der Orden besaß. In diesem Jahr konnte der Komtur insgesamt einen Überschuss von 378 Gulden verbuchen.

Obwohl die Reformation in der Stadt, die seit 1326 zu den vorderösterreichischen Landen gehörte, nicht Fuß fassen konnte, also nicht zu einer Minderung der Einkünfte der Johanniter beigetragen hat, schloss die Rechnung für das Jahr 1541 mit einem Fehlbetrag von 79 Gulden ab. Vermutlich hat die Misswirtschaft von Komturen zu dieser Entwicklung geführt. Für das Jahr 1541 sind in dem Bericht der Visitatoren, der allerdings nicht vor Ort sondern beim Provinzialkapitel in Speyer anhand der vorgelegten Unterlagen erstellt wurde, neben dem Komtur Rudolf von Rüdigheim nur noch zwei Geistliche genannt, die nicht dem Orden angehörten. Trotz dieser überaus misslichen wirtschaftlichen Situation und der sich mehr und mehr abzeichnenden Verringerung der Anzahl der Ordensritter und vor allem der Ordenskapläne im deutschen Großpriorat kamen die Überlegungen, die Kommenden Villingen und Rottweil zu vereinigen, nicht zum Tragen. Allerdings wurden in der frühen Neuzeit mit zunehmender Tendenz mehrere Kommenden gleichzeitig einem Komtur übertragen, der dann Ordenskapläne, meist aber weltliche Schaffner, als Verwalter einsetzte. Auf diese Weise konnte der Personalnot Einhalt geboten, aber auch der standesgemäßen Versorgung der Ordensritter Rechnung getragen werden; die Einkünfte der Kommenden waren in vielen Territorien des Reiches, vor allem durch die Einflüsse der Reformation, deutlich geringer geworden. Diese Entwicklung lässt sich auch bei der Kommende Villingen beobachten, die oft in den Händen der deutschen Großprioren war, die selten persönlich in Villingen in Erscheinung traten.

In den Visitationsberichten werden immer wieder die hohen Kosten beziffert, die in Ordenshäusern in Gebieten ohne Weinbau für die Beschaffung des benötigten Messweines anfielen. Die Kommende in Villingen besaß seit dem Ende des 13. Jh. Weinberge im Gebiet von Neuenburg im Breisgau und konnte so die Versorgung mit Wein für die Messen, wohl aber auch für die Bedürfnisse der Ordensbrüder, zu günstigen Bedingungen gewährleisten. Zu erwähnen ist noch, dass die Johanniter in Villingen das Asylrecht für ihre Ordenskirche beanspruchten, was die Bürgerschaft seit 1387 aufgehoben sehen wollte; die Streitigkeiten zogen sich hin bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts. Auch in Villingen gab es eine 1464 gestiftete Johanniter-Bruderschaft, deren Mitglieder in den Genuss der Ordensprivilegien im Fall ihres Ablebens in Zeiten kirchlicher Strafmaßnahmen kommen wollten.

Die Lage der Kommende-Gebäude an der Stadtmauer in der Nähe des Bickentores war exponiert und führte in Kriegszeiten zu schweren Schäden. So sah sich der Komtur Dietrich Rollmann von Dattenberg (1624-1632) genötigt, im Jahr 1632 mehr als 20.000 Gulden zur Wiederherstellung der Gebäude der Kommende zu stiften. Im Verlauf des Spanischen Erbfolgekrieges hat sich im Juli 1704 Prinz Eugen von Savoyen in der Johanniterkommende aufgehalten; die Baulichkeiten waren damals wohl in einem brauchbaren Zustand.

Das Ende der Kommende nahte mit der Besetzung durch französische Truppen und die darauf am 14. Dezember 1805 erfolgte Übernahme der Stadt Villingen unter württembergische Souveränität. Der letzte Komtur, Johann Baptist von Flachslanden (1801-1806), und sein Amtmann Willmann wurden auf Lebenszeit im Besitz der Einkünfte des Ordenshauses belassen. Am 12. Juli 1806 kam Villingen an das Großherzogtum Baden, das den ehemaligen Amtmann Johann Baptist Willmann in seine Domänenverwaltung übernahm. Das Ritterhaus wurde 1811 abgebrochen, die Kirche wurde 1814 Militärmagazin und 1822 Gefängnis. Im Jahr 1858 konnte die evangelische Gemeinde die ehemalige Ordenskirche und das Mesnerhaus vom badischen Staat erwerben und für ihre Gottesdienste nutzen. Sie wurde 1924 umgebaut und im letzten Drittel des 20. Jh. restauriert.

WALTER G. RÖDEL     
LITERATUR
-<KDB II> 130f.
- Topographisches Wörterbuch des Großherzogtums Baden. Bd. 2. Bearb. von. A. KRIEGER. 2. Aufl. 1905, Sp. 1279-1282.
- P. REVELLIO: Die Kirche der Johanniterkommende. In: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen.Villingen 1964, 110-124.
- W. G. RÖDEL: Das Großpriorat Deutschland des Johanniter-Ordens im Übergang vom Mittelalter zur Reformation. 2. Aufl. Köln 1972, 119-123, 445-446.
- W. HECHT: Aus der Geschichte der Johanniter im Schwarzwald-Baar-Kreis. In: Almanach 80 - Das Jahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises. Villingen-Schwenningen 1979, 100-105.
- DERS.: Ehemalige Ordensniederlassungen in Baden-Württemberg. Die Johanniter-Kommende Villingen. In: Der Johanniterorden in Baden-Württemberg 82 (1990) 18-22.
- J. FUCHS: Zur Geschichte der Johanniter-Kommende und -Kirche Villingen. In: Ich habe lieb die Stätte dieses Hauses. Die Evangelischen in Villingen. Eine Festschrift. Zur Renovierung der Johanneskirche. Villingen 1983, 51-58.
QUELLEN
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 218: Lagerbücher des Johanniterordens
-Generallandesarchiv Karlsruhe 100: Sankt Georgen, Kloster, Amt und Ort
-Generallandesarchiv Karlsruhe 146: Hüfingen, Amt und Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 184: Villingen, Amt und Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 2: Überlingen-Pfullendorf
-Generallandesarchiv Karlsruhe 20: Johanniterarchive (Heitersheim u.a.)
-Generallandesarchiv Karlsruhe 207: Kehl, Stadt und Dorf
-Generallandesarchiv Karlsruhe 225: Überlingen, Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 229: Spezialakten der kleineren Ämter und Orte
-Generallandesarchiv Karlsruhe 61: Protokolle
-Generallandesarchiv Karlsruhe 62: Rechnungen
-Generallandesarchiv Karlsruhe 64: Anniversarienbücher
-Generallandesarchiv Karlsruhe 65: Handschriften
-Generallandesarchiv Karlsruhe 66: Beraine
-Generallandesarchiv Karlsruhe 67: Kopialbücher
-Generallandesarchiv Karlsruhe 68: Repertorien
-Generallandesarchiv Karlsruhe 81: Ensisheim (Vorderösterreich u.a ): Extradita Colmar
-Generallandesarchiv Karlsruhe 89: Heitersheim Generalia
-Generallandesarchiv Karlsruhe A: Kaiser- und Königsurkunden vor 1200
-Generallandesarchiv Karlsruhe D: Kaiser- und Königsurkunden 1200-1518
-Generallandesarchiv Karlsruhe E: Papsturkunden 1198-1302
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