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Benediktinerpriorat/ Benediktinerabtei Reichenau - Geschichte

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Abbildung  Button Romanisches Reliquienkästchen aus dem 12. Jh. mit Brustbildern von Heiligen, urspr. in St. Georg in Oberzell, heute in der Münsterschatzkammer.
Um 724 gründete der hl. Wanderbischof Pirmin (gest. 753) im Kontext der irofränkischen Klostermission eine Mönchsgemeinschaft auf der Insel Reichenau im Untersee, dem südwestlichen Ausläufer des Bodensees. Aufgrund der Berichte von Heiligenviten und der rekonstruierten Gründungsurkunden deutet vieles darauf hin, dass Pirmin, der vermutlich aus Meaux an der Marne stammte, sein Kloster in Abstimmung mit dem fränkischen Hausmeier Karl Martell und dem alemannischen Herzog Lantfried errichten konnte. Eine Vorgängersiedlung und eine ältere Mönchszelle auf der Insel, welche zunächst den Namen "Sindleozzesauva" trug, können bisher nur vermutet werden. Die unsicheren politischen Umstände führten schon bald nach der Gründung zu Konflikten um das Kloster und - laut Walahfrid Strabo - im Jahr 727 zur Vertreibung Pirmins. Dennoch konnten die verbliebenen Mönche, von Beginn an gefördert vom alemannischen Adel, die Existenz ihrer Gemeinschaft aufrecht erhalten. Das Kloster war zu Ehren der hll. Petrus und Paulus sowie Marias gegründet worden. Seit dem 9. Jh. drängte die Verehrung des hl. Markus die Bedeutung der Apostel zurück.

In den ersten Jahrzehnten dürften die Mönche einer columbanisch-benediktinischen Mischregel gefolgt sein, bis sich spätestens gegen Ende des 8. Jh. mit dem Aufstieg der Reichenau zur karolingischen Reichsabtei die Benediktregel als Grundlage des Klosterlebens etabliert hatte. Vom frühen 9. Jh. bis in die erste Hälfte des 11. Jh. zählten die Äbte der "Augia" (auch "Auwia", "Augia Maior", "Augia Dives", "Richenowe") - insbesondere Waldo (786-806), Heito I. (806-822/23) und Heito III. (888-913) - zu den politisch einflussreichsten Geistlichen des Reiches. Sie erwarben zahlreiche kirchliche und weltliche Privilegien, darunter Immunität, freie Abtwahl, Gebrauch der Pontifikalien, Exemtion, reduzierte Heeresfolgepflicht sowie Markt- und Münzrechte.

Die Gründungsausstattung bestand aus Gütern und Rechten rund um den Untersee, welche bis zur Inkorporation der Abtei 1540 in Besitz gehalten werden konnten. Infolge umfangreicher Schenkungen reichten die Besitzungen - wie auch das Rekrutierungsgebiet - zeitweise vom Schwarzwald bis nach Bayerisch-Schwaben und vom mittleren Neckarraum bis zu den Schweizer Alpen, bis sich ab dem 13. Jh. ein unübersehbarer Schrumpfungsprozess bemerkbar machte. Bereits um 998 baute die Abtei Allensbach zum Marktort aus, worauf weitere Marktgründungen in Radolfzell, Reichenau und Steckborn folgten, doch konnte sich wegen der Nähe zu Konstanz keiner dieser Orte zu einem überregionalen Handelszentrum entwickeln.

Mit der elitären Stellung der Abtei, in der zeitweise über hundert Mönche lebten, korrespondierte die soziale Exklusivität des Konvents, die sich spätestens bis zum Hochmittelalter durchgesetzt hatte. Doch die Beschränkung auf den Hochadel stellte im Folgenden das größte Hindernis für zeitgemäße Anpassungsleistungen in wirtschaftlicher und spiritueller Hinsicht dar. Die hochmittelalterliche Klosterreform Gorzer Prägung kam nur in abgeschwächter Form zum Zuge, zudem wurde die papsttreue Reichenau im Investiturstreit politisch isoliert und musste Besitzeinbußen durch unbotmäßige Ministerialen hinnehmen. Der Kontakt zum Kaisertum reduzierte sich auf das Nötigste und die Zahl der Konventualen ging zeitweise bis auf zwei zurück. Erst im Zuge der benediktinischen Reformbestrebungen im Spätmittelalter erlangte das Inselkloster für einige Jahre wieder eine überregionale Bedeutung und personellen Zuwachs, was vor allem auf das Wirken von Abt Friedrich von Wartenberg-Wildenstein (1428-1453) zurückzuführen war. Er öffnete den Konvent für den niederen Adel, und die Abtei nahm unter ihm die zeitgenössischen Reformideen, insbesondere aus St. Matthias in Trier und Melk, auf.

Trotz des nominellen Status als Reichsabtei stiegen im 14. Jh. die Herzöge von Österreich zu den eigentlichen Schutzherren der Reichenau auf, allerdings ohne konkrete Auswirkungen in politischer Hinsicht. Erst gegen Ende des 15. Jh. geriet das wirtschaftlich stark angeschlagene Kloster vollständig unter österreichische Kontrolle. Nach dem Tod des letzten hochadligen Abts 1508 befanden sich nur noch zwei Mönche im Kloster, die - nicht ohne eigenes Zutun - erleben mussten, wie die Reichenau zum Zankapfel auswärtiger Interessen, insbesondere des Bischofs von Konstanz und Kaiser Maximilians, wurde. 1509 bzw. 1516 wurden Konvente mit bürgerlichen Mönchen, die aus St. Ulrich und Afra in Augsburg sowie aus Zwiefalten stammten, im Inselkloster installiert. Als erster bürgerlicher Abt amtierte Georg Fischer (1516-1519). Nach zahlreichen Auseinandersetzungen leistete der letzte Reichsabt Markus von Knöringen (1508-1512, 1521-1540) Verzicht und übergab 1540 gegen eine Pension die Regierungsgewalt dem Konstanzer Bischof Johann von Weeze (1537-1548). Damit wurde die Reichenau - nach einem erfolglosen ersten Versuch 1508 - endgültig dem Hochstift Konstanz inkorporiert.

Die ehemalige Abtei existierte fortan weiter als Priorat der Konstanzer Kirche, wobei sich die Bischöfe mit dem Titel eines Abts von Reichenau schmückten. Der Konvent hingegen entwickelte mit der Zeit über die Beschäftigung mit der eigenen, ruhmreichen Vergangenheit ein zunehmendes Selbstbewusstsein und provozierte seine bischöflichen Vorgesetzten immer wieder mit Forderungen nach Restituierung des früheren Zustands, bei denen sich besonders Meinrad Meichelbeck (1713-1792) hervortat. 1757 beendete Fürstbischof Franz Konrad von Rodt (1750-1775) den Dauerstreit durch die Strafversetzung der Mönche in andere geistliche Häuser. Zur Aufrechterhaltung des Gottesdienstes wurde eine "Missionskolonie" eingerichtet, die aus Angehörigen auswärtiger Klöster und Weltklerikern bestand. Angesichts der Bedrohung durch das französische Heer wurde 1799 auch diese Mission, die zu diesem Zeitpunkt sieben Patres beherbergte, aufgelöst und damit dem klösterlichen Leben auf der Reichenau ein Ende gesetzt. Mit der Säkularisation des Bistums Konstanz 1803 erfolgte die Inbesitznahme des Klosterkomplexes durch das Großherzogtum Baden.

Die ehemalige Abteikirche - das Münster St. Maria und Markus - dient seit der Aufhebung der ehemals benachbarten Pfarrkirche St. Johann 1809 als katholische Pfarrkirche des Sprengels Reichenau-Mittelzell. In den Konventsgebäuden südlich der Kirche sind zudem die Pfarrei sowie die Gemeindeverwaltung untergebracht. Im Jahr 2001 wurde das Klosterleben auf der Reichenau in Form einer Benediktiner-Cella wieder reaktiviert, allerdings nicht in Mittelzell, sondern bei der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Niederzell.

Die besondere Pflege von Kunst und Wissenschaft begründete den Weltruf des Inselklosters als einem der bedeutendsten Exponenten der früh- und hochmittelalterlichen Klosterkultur. Schon früh galten die kulturellen Leistungen als zentraler Bestandteil einer glanzvollen Tradition, wie es im Jahr 2000 mit der Erhebung des kulturgeschichtlichen Gesamtensembles Reichenau zum Weltkulturerbe der UNESCO einmal mehr bestätigt wurde. Frühe Belege der monastischen Kultur stellen der auf einer Reichenauer Abschrift beruhende älteste erhaltene Textzeuge der Benediktregel (um 817/21) und der St. Galler "Klosterplan" (um 827/30) dar. Die Abtei machte sich durch die Produktion einer reichen Viten- und Chronikliteratur, durch die weithin berühmte Bibliothek und die einflussreiche Klosterschule einen Namen. Besonders beeindrucken die Erzeugnisse der Reichenauer Schreib- und Malschulen, z. B. die für Kaiser und Bischöfe produzierten prachtvollen Handschriften und die Wandmalereien in den Kirchen von St. Georg und Goldbach. Dem späteren wirtschaftlichen Verfall ist es zu verdanken, dass wichtige Monumente romanischer Architektur kaum umgestaltet oder abgerissen wurden und somit heute noch sichtbar sind.

Als wichtigste Vertreter des religiös-wissenschaftlichen Geistes sind zwei Namen zu nennen: Walahfrid Strabo (808-849), der Autor der "Visio Wettini" und des "Hortulus", und Hermann der Lahme (1013-1054), der u. a. eine vielgerühmte Weltchronik verfasste. Zu Zwecken der Liturgie und Memoria schuf der Reichenauer Konvent mit dem Verbrüderungsbuch und dem Totenbuch besondere Werke, die Aufschluss über die soziale, religiöse und mentale Welt des Frühmittelalters geben.

Seit dem 11. Jh. ließ die künstlerische und wissenschaftliche Produktivität im Umfeld der Abtei nach. Im 12. Jh. versuchten einige Mönche, durch Fälschung und Nachahmung älterer Urkunden den materiellen Bestand des Klosters zu sichern. Das Potential der Reliquienschätze, insbesondere die Gebeine des Markus und die Heilig-Blut-Reliquie, wurde allerdings über die Jahrhunderte nie ganz vergessen. Vielmehr wurden immer wieder neue kunstvolle Schreine und Behältnisse in Auftrag gegeben und der Kult um die identitätsstiftende und seelenrettende Macht der Heiligen gefördert. Noch heute werden die Feste des Markus, der Maria und des heiligen Blutes mit Prozessionen auf der Klosterinsel gefeiert. Im 15. Jh. wurde die alte Klosterbibliothek wiederentdeckt und während der Reformphase sogar weiter aufgestockt. Um 1500 beherbergte die Abtei den wissenschaftlich gebildeten Kaplan Gallus Öhem (1458-1522), der in Kontakt zu humanistischen Zirkeln stand und mehrere historiografische Werke schuf, darunter eine umfassende Chronik der Reichenau. Im 18. Jh. wurde die Tradition der Klosterannalen von Januarius Stahel (1701 bis um 1750) und Meinrad Meichelbeck nochmals aufgegriffen.

Die Klosteranlage erfuhr im Laufe der Zeit zahlreiche Umbauten, Erweiterungen und Ergänzungen. Von den frühesten Bauten sind nur noch archäologische Spuren vorhanden. 816 wurde ein Neubau der Abteikirche als Basilika mit kurzem dreischiffigem Langhaus, Querhaus und Chor eingeweiht, von dem die Vierung noch erhalten ist. Spätestens im frühen 10. Jh. entstand ein Westquerhaus mit Doppelturmfassade, das dem hl. Markus geweiht war. Um 990/91 wurden die beiden Teilkirchen über das Langhaus verbunden. Nach einem Brand stellte Abt Berno (1008-1048) das Münster, wie es heute im Kernbestand noch steht, wieder her und errichtete bei dieser Gelegenheit ein neues Westwerk (Weihe 1048). Von den übrigen früh- und hochmittelalterlichen Klostergebäuden, insbesondere der Pfalz, deren Neubau 1312 begonnen wurde, und den verschiedenen Kapellen und Nebenkirchen, ist heute kaum noch etwas erhalten, da sie größtenteils im 19. Jh. abgebrochen wurden. 1477 wurde der gotische Chor geweiht. Die Konventsbauten nördlich des Münsters wurden während des großangelegten Klosterumbaus 1605-1611 auf die Südseite verlegt. Reste der wertvollen, in alle Winde zerstreuten Sammlung an liturgischen Geräten, Reliquienschreinen, Handschriften und Kunstgegenständen befinden sich heute öffentlich zugänglich in der Schatzkammer des Münsters. Zudem enthält das Innere der Kirche u. a. eine Marienbüste (um 1300), einen spätgotischen Hochaltar, ein Chorgitter aus dem Rokoko, mehrere Grabdenkmäler sowie Wandmalereien des Spätmittelalters und der Renaissance.

THOMAS KREUTZER     
LITERATUR
-<GermBen> V, 503-548 (F. QUARTHAL).
- <KB Konstanz> 655-657.
- <KDB I> 325-357.
- K. BEYERLE (Hg.): Die Kultur der Abtei Reichenau. 2 Bde. München 1925.
- H. MAURER (Hg.): Die Abtei Reichenau. Sigmaringen 1974.
- U. BEGRICH, Reichenau. In: <HelvSac III/1>, Teil 2, 1059-1100.
- A. ZETTLER: Die frühen Klosterbauten der Reichenau. Sigmaringen 1988.
- R. RAPPMANN/ A. ZETTLER: Die Reichenauer Mönchsgemeinschaft und ihr Totengedenken im frühen Mittelalter. Sigmaringen 1998.
- Klosterinsel Reichenau im Bodensee. UNESCO-Weltkulturerbe. Zusammengestellt von M. UNTERMANN. Stuttgart 2001.
- W. ERDMANN: Die Reichenau im Bodensee. 11 Aufl. Königstein i. Ts. 2004.
- Th. KREUTZER: Verblichener Glanz. Adel und Reform in der Abtei Reichenau im Spätmittelalter. Stuttgart 2008.
QUELLEN
Aufgrund der zahlreichen Klöster und Stifte auf der Reichenau wurde auf eine Zuordnung der Bestände des Generallandesarchivs Karlsruhe und des Staatsarchivs Ludwigsburg verzichtet: Bei den einzelnen Klöstern werden stattdessen alle die Reichenau betreffenden Bestände aufgeführt.
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 51: Kaiserselekt
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 1 Nr. 370: Allgemeine Sammlung von ungedruckten Schriften zur Landesgeschichte
-Staatsarchiv Ludwigsburg B 207: Ulm, Reichsstadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 100: Sankt Georgen, Kloster, Amt und Ort
-Generallandesarchiv Karlsruhe 118: Nellenburg
-Generallandesarchiv Karlsruhe 162: Meersburg, Amt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 205: Heidelberg, Universität
-Generallandesarchiv Karlsruhe 209: Konstanz, Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 219: Radolfzell, Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 225: Überlingen, Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 229: Spezialakten der kleineren Ämter und Orte
-Generallandesarchiv Karlsruhe 44: Lehen- und Adelsarchiv
-Generallandesarchiv Karlsruhe 5: Konstanz-Reichenau (Hochstift Konstanz, Kloster Reichenau)
-Generallandesarchiv Karlsruhe 61: Protokolle
-Generallandesarchiv Karlsruhe 62: Rechnungen
-Generallandesarchiv Karlsruhe 64: Anniversarienbücher
-Generallandesarchiv Karlsruhe 65: Handschriften
-Generallandesarchiv Karlsruhe 66: Beraine
-Generallandesarchiv Karlsruhe 67: Kopialbücher
-Generallandesarchiv Karlsruhe 68: Repertorien
-Generallandesarchiv Karlsruhe 70 Allensbach:
-Generallandesarchiv Karlsruhe 72: Lehen- und Adelsarchiv
-Generallandesarchiv Karlsruhe 73: Aufschwörungen und Stammbäume
-Generallandesarchiv Karlsruhe 75: Baden-Ausland
-Generallandesarchiv Karlsruhe 79: Breisgau Generalia
-Generallandesarchiv Karlsruhe 79 P 18: Oberösterreichische/Vorderösterreichische Regierung und Kammer: Nellenburg
-Generallandesarchiv Karlsruhe 82: Konstanz Generalia (Hochstift)
-Generallandesarchiv Karlsruhe 82a: Konstanz Generalia: Extradita Zürich
-Generallandesarchiv Karlsruhe 93: Mainau
-Generallandesarchiv Karlsruhe 95: Petershausen
-Generallandesarchiv Karlsruhe 96: Reichenau
-Generallandesarchiv Karlsruhe A: Kaiser- und Königsurkunden vor 1200
-Generallandesarchiv Karlsruhe B: Papsturkunden vor 1200
-Generallandesarchiv Karlsruhe C: Privaturkunden vor 1200
-Generallandesarchiv Karlsruhe D: Kaiser- und Königsurkunden 1200-1518
-Generallandesarchiv Karlsruhe E: Papsturkunden 1198-1302
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