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Augustiner-Chorherrenstift Öhningen - Geschichte

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Abbildung  Button Das Stift von Norden, um 1750.
Das Stift Öhningen liegt auf einer Anhöhe oberhalb des Untersees in der Nähe zum Rheinübergang bei Stein und wurde möglicherweise an der Stelle eines älteren Adelssitzes gegründet. Die Urkunde, in der Kaiser Otto I. (936-973) im Jahr 965 die Stiftung Öhningens und den zugehörigen Besitz bestätigte, ist wahrscheinlich in allen Teilen eine Fälschung des letzten Drittels des 12. Jahrhunderts. Nach diesem unechten Gründungsprivileg hatte Kuno von Öhningen mit Zustimmung seiner Frau Richlind und seiner vier Söhne das Stift kurz zuvor gegründet. Bereits die Gestalt des vermeintlichen Stifters hat für eine noch andauernde Forschungskontroverse gesorgt. Einigkeit besteht lediglich darin, dass Kuno als ein Mitglied des konradinischen Familienverbands anzusehen ist und dass er eine enge Beziehung zum Rheinauer Stifterverband besaß. Die Forschung tendiert des Weiteren dazu, Kuno mit dem von Otto II. (973-983) eingesetzten Herzog Konrad von Schwaben (982-997) gleichzusetzen sowie Richlind als Enkelin Ottos I. genealogisch einzuordnen. Die Vermutung, Kuno habe in Öhningen eine geistliche Institution gestiftet, ist in gleicher Weise spekulativ wie alle anderen Hypothesen, die einen späteren Gründungszeitpunkt favorisieren. Nicht zu klären ist ebenfalls die Frage nach dem Status Öhningens, das erstmals 1155 als Propstei und 1166 als Augustiner-Chorherrenstift sicher fassbar ist: Entweder bestand bereits eine ältere Gemeinschaft von Geistlichen, die erst später die Augustinerregel übernahm, möglicherweise als Benediktinerkloster oder als nicht reguliertes Kollegiatstift, oder Öhningen wurde als Augustiner-Chorherrenstift eingerichtet, vielleicht während der großen Gründungswelle solcher Institutionen im Bistum Konstanz im ausgehenden 11. und beginnenden 12. Jahrhundert.

Im Jahr 1155 bestätigte Kaiser Friedrich I. (1152-1190) dem Konstanzer Bischof Hermann von Arbon (1138-1165) den Besitz der "prepositura Oningen". Nach dem Tod Hermanns konnte der Kaiser seine Besitzbestätigung von 1155 rückgängig machen und so eigene Familieninteressen wahren. Doch kurz nach dem Tod Friedrichs erhielten die Bischöfe das Augustiner-Chorherrenstift wieder zurück, denn am 1191 übertrugen Heinrich VI. (1190-1197) und seine Brüder Bischof Diethelm von Krenkingen (1189-1206) die Vogtei des Orts unter Einschluss des Stifts. Trotz eines Privilegs Papst Alexanders IV. (1254-1261) aus dem Jahr 1256, in dem dieser das Stift Öhningen und dessen Güter in seinen Schutz nahm, blieb die Vogtei seit dem ausgehenden 12. Jh. unangefochten beim Konstanzer Bischof. Die Vogteirechte übten u. a. in Gaienhofen ansässige Untervögte aus, die den Besitz des Stifts verwalteten, der sich vor allem im Hegau und Klettgau, aber auch im Thurgau sowie im südlichen Schwarzwald befand. Ein Propst ist namentlich erstmals 1160 fassbar, er versah die inneren Angelegenheiten des Stifts und lenkte den meist etwa sechs Chorherren umfassenden Konvent.

Besonders im beginnenden 15. Jh., als die Gemeinde Öhningen nach Unabhängigkeit von Bischof und Stift strebte, sind häufig Konflikte um Rechte und Zuständigkeiten belegt. Weitere Spannungen entstanden zwischen dem Augustiner-Chorherrenstift und der Stadt Stein am Rhein oder dem dortigen Kloster. Im Schwabenkrieg 1499 blieb Öhningen weitgehend verschont, im Bauernkrieg 1524/25 vertrieben Öhninger Bauern den Propst, selbst einige Chorherren sollen sich den Aufständischen angeschlossen haben.

Mit dem Beginn des 16. Jh. erreichte der wirtschaftliche Niedergang auch im Augustiner-Chorherrenstift Öhningen seinen Höhepunkt, meist konnten nur noch drei Kleriker mit Pfründen versorgt werden. Die Bischöfe warfen den Chorherren sittliches Fehlverhalten vor, in erster Linie dürften die Ordinarien mit diesen Anschuldigungen aber versucht haben, das Stift stärker unter ihre Kontrolle zu bekommen. Zudem bot der Kaiser dem Bischof an, die Inkorporation des Stifts Öhningen zu unterstützen, um die Finanzen des Hochstifts zu verbessern. Unter Johann von Lupfen (1532-1537) wurde der Plan ausgeführt, die Inkorporation erlangte 1534 die Zustimmung Papst Pauls III., 1536 die Billigung König Ferdinands I. Nun fungierte der amtierende Konstanzer Bischof als Propst, der einen Dekan oder einen Prior einsetzte, der für die geistlichen Aufgaben vor Ort zuständig war; das Einverständnis des Konvents zu diesen Personalentscheidungen musste nicht eingeholt werden. In Öhningen residierte ab dem 17. Jh. ein bischöflicher Obervogt, der die weltlichen Belange des Stifts bestimmte.

Die Inkorporation brachte eine vorübergehende Verbesserung der wirtschaftlichen Situation auch des Stifts, nun sind meist sechs Chorherren als Pfründner belegt. Allerdings war ihre von Konstanz aus gewährte finanzielle Versorgung oft knapp bemessen und wurde in manchen Fällen verspätet ausgezahlt. Bemühungen, besonders unter Dekan Karl Loder (+1760), die Inkorporation aufzuheben, blieben erfolglos. Im 30-jährigen Krieg kam es wiederholt zu Plünderungen des Stifts, doch die Bischöfe sorgten für die Wiederherstellung des Besitzstands. Das Augustiner-Chorherrenstift kam 1803 an Baden; im selben Jahr wurde seine Auflösung eingeleitet, die zwei Jahre später mit der Einrichtung der Pfarrei Öhningen abgeschlossen war.

An der Öhninger Kirche gab es mehrere bruderschaftliche Zusammenschlüsse, die vor allem im 17. Jh. gegründet wurden. Der geistig wirkungsmächtigste Kanoniker war Dominikus Wenz (+1755), der einen Kommentar zur Augustinusregel (1718), eine Vorbereitungsschrift für die Erstkommunion (1724) und eine Sammlung von Sinnsprüchen (1726) zum Druck brachte. Sein Hauptwerk ist das 1757 und 1793 erschienene "Exempel-Buch", das für die Erzählliteratur des 18. und 19. Jh. wichtige Anstöße gab. Dekan Karl Loder (+1760) verfasste neben einer biblischen Historie handschriftliche Aufzeichnungen zur Stiftsgeschichte.

Im Westen des Stiftsareals stehen die Kirche, die Dreiflügelanlage des Konvents und das in der Mitte des 17. Jh. errichtete Amtshaus des Obervogts, im Osten der Wirtschaftshof. Die Baugeschichte lässt sich erst für die Zeit um 1500 sicher rekonstruieren: Auf Anordnung von Propst Nikolaus Christiner (1482-1513/16) wurden die Konventsbauten neu errichtet, einige Teile dieses Bauensembles sind in den heute erhaltenen, von Umbauten und Erweiterungen des 17. und 18. Jh. geprägten Gebäuden noch verbaut. Der weitgehende Neubau der Kirche wurde in Auftrag von Bischof Jakob Fugger (1604-1626) etwa 1610 begonnen und 1620 abgeschlossen. Unter Bischof Franz Johann Vogt von Altensumerau und Prasberg (1645-1689) wurden Schäden an Kirche und Konventsbauten behoben, 1681 konnte der neue Hochaltar geweiht werden. Auf Bischof Kasimir Anton von Sickingen (1743-1750) geht die barocke Umgestaltung des Konventsaals zurück. Den Innenraum der Saalkirche, deren Äußeres weitgehend Züge der Spätrenaissance trägt, ließen die Konstanzer Ordinarien barock ausgestalten.

Der mittelalterliche Kirchenschatz und der vorbarocke Kirchenschmuck sind verloren, aus der heute vorhandenen Ausstattung ragen der Hochaltar und die Plastik Christus am Kreuz von Josef Anton Feuchtmayer hervor. Das Chorgestühl mit 30 Sitzen ist barock. Aus dem Besitz des Stifts stammen außerdem zwei Wappenscheiben aus dem Jahr 1520 (heute Zürich, Schweizerisches Landesmuseum).

ANDREAS BIHRER     
LITERATUR
-<GermBen> V, 471-475 (F. QUARTHAL).
- <KB Konstanz> III, 353, 357f.
- <KDB I> 309-312.
- H. BERNER (Hg.): Dorf und Stift Öhningen. Singen 1966.
- DERS. (Hg.): Öhningen. Beiträge zur Geschichte von Öhningen, Schienen und Wangen. Singen 1988.
QUELLEN
-Generallandesarchiv Karlsruhe 118: Nellenburg
-Generallandesarchiv Karlsruhe 123: Ritterkanton Hegau
-Generallandesarchiv Karlsruhe 163: Meßkirch, Amt und Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 205: Heidelberg, Universität
-Generallandesarchiv Karlsruhe 209: Konstanz, Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 229: Spezialakten der kleineren Ämter und Orte
-Generallandesarchiv Karlsruhe 44: Lehen- und Adelsarchiv
-Generallandesarchiv Karlsruhe 5: Konstanz-Reichenau (Hochstift Konstanz, Kloster Reichenau)
-Generallandesarchiv Karlsruhe 61: Protokolle
-Generallandesarchiv Karlsruhe 62: Rechnungen
-Generallandesarchiv Karlsruhe 64: Anniversarienbücher
-Generallandesarchiv Karlsruhe 65: Handschriften
-Generallandesarchiv Karlsruhe 66: Beraine
-Generallandesarchiv Karlsruhe 67: Kopialbücher
-Generallandesarchiv Karlsruhe 68: Repertorien
-Generallandesarchiv Karlsruhe 70 Öhningen:
-Generallandesarchiv Karlsruhe 72: Lehen- und Adelsarchiv
-Generallandesarchiv Karlsruhe 73: Aufschwörungen und Stammbäume
-Generallandesarchiv Karlsruhe 82: Konstanz Generalia (Hochstift)
-Generallandesarchiv Karlsruhe 82a: Konstanz Generalia: Extradita Zürich
-Generallandesarchiv Karlsruhe 96: Reichenau
-Generallandesarchiv Karlsruhe A: Kaiser- und Königsurkunden vor 1200
-Generallandesarchiv Karlsruhe B: Papsturkunden vor 1200
-Generallandesarchiv Karlsruhe C: Privaturkunden vor 1200
-Generallandesarchiv Karlsruhe D: Kaiser- und Königsurkunden 1200-1518
-Generallandesarchiv Karlsruhe E: Papsturkunden 1198-1302
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