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Benediktinerabtei Neresheim - Geschichte

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Abbildung  Button Stadtansicht von Neresheim mit der ehemaligen Klosteranlage auf dem Ulrichsberg, Lithographie 1872.
Mitten im Härtsfeld, dem östlichen Ausläufer der Schwäbischen Alb, liegt auf dem Ulrichsberg über der Stadt Neresheim, in der sich die Straßen von Heidenheim nach Nördlingen und von Aalen nach Dillingen kreuzen, die Benediktinerabtei Neresheim. 1095 ließen sich Graf Hartmann I. von Dillingen und seine Gemahlin Adelheid von Kyburg (bei Winterthur/Schweiz) die Schenkung des von ihnen in ihrem Eigengut in Neresheim (Burg) gestifteten Klosters an den Hl. Petrus in Rom durch Papst Urban II. bestätigen, wobei sie sich und ihren Nachkommen die Vogteirechte und dem Kloster die freie Wahl des Propstes zusichern ließen, denn es waren regulierte Chorherren nach Neresheim gerufen worden. Woher diese kamen, ist unbekannt; schon vor 1106 hatten sie wieder das Härtsfeld verlassen. In diesem Jahr bat Graf Hartmann den aus seinem Kloster Petershausen in Konstanz vertriebenen Abt Theoderich, der sich zu dieser Zeit mit der Gründung des Klosters Kastl in der Oberpfalz abmühte, um Benediktinermönche für seine leerstehende Klosterburg in Neresheim; diese brachten die Observanz von Hirsau mit. Da diese Kommunität sich nur sehr mühsam entwickelte, sah sich der Gründer gezwungen, durch seinen Sohn, Bischof Ulrich von Konstanz, in der von Hirsau gegründeten Abtei Zwiefalten um die Entsendung von Mönchen und Abt in das Härtsfeldkloster zu bitten. Um diese Zeit trat der Stifter Graf Hartmann als Konverse in seine Stiftung ein; hier starb er am 16. April 1121. Seine und seiner Gemahlin Adelheid Gebeine werden bis heute in den Stifterdenkmalen der Neresheimer Abteikirche aufbewahrt.

Auch in den nächsten zwei Jahrzehnten wurde in Neresheim hart um die Zukunft gerungen, bis Zwiefalten seinen Chronisten, den Mönch Ortlieb, als fähigen Abt nach Neresheim sandte; er brachte den Konvent zu einer ersten Blüte, sodass wir in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts im Kloster etwa 25 bis 30 Mönche antreffen. Wie in Zwiefalten bestand auch in Neresheim ein unter dem Patrozinium des Hl. Apostels Andreas stehendes Frauenkloster, das nördlich der den heiligen Ulrich und Afra geweihten Abteikirche lag; es scheint in den Wirren, die Neresheim um die Mitte des 13. Jahrhunderts heimsuchten, zerstört und aufgelassen worden zu sein.

Wie seine Stifterfamilie, die Grafen von Dillingen-Kyburg, war Neresheim päpstlich gesinnt. Es hatte daher von den Staufern, deren ostschwäbische Besitzungen dem Kloster eng benachbart waren, in den Jahren 1246-1249 durch mehrfache Brandschatzung hart zu leiden. Als die männlichen Glieder der Grafen von Dillingen-Kyburg, die ihr Hauskloster durch anderthalb Jahrhunderte als Vögte sehr gefördert hatten, im Jahre 1258 bis auf Hartmann V., Bischof von Augsburg, alle fielen, rissen die Grafen von Oettingen die Vogtei an sich, zumal das Hochstift Augsburg, das vom letzten Dillinger regiert wurde, bei diesen hoch verschuldet war. Nachdem Augsburg und Oettingen während fünf Jahren den Streit um Neresheim kriegerisch nicht klären konnten, kam es am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt 1263 in der Benediktinerabtei Hl. Kreuz in Donauwörth zu einem Schiedsspruch, durch den Albert, der Große, bestimmte, dass die Vogtei über das Kloster Neresheim den Oettingern gehören sollte, bis Augsburg seine Schulden bezahlt habe.

Am 15. Januar 1298 nahm Papst Bonifaz VIII. (1294-1304) das Kloster mit all seinen Besitzungen, die erstmals namentlich aufgeführt werden, in seinen Schutz: 7 Dörfer und dazu Streubesitz in 71 Orten im Ries und Brenzgau.

In den Jahren 1372 und 1389 brannte das Kloster zweimal ab. Dazu kamen Parteiungen im Konvent, sodass die Disziplin verfiel und die Zahl der Mönche abnahm. Während des 15. Jahrhunderts kamen Reformanstöße aus den Klöstern Kastl in der Oberpfalz wie auch aus Melk in Niederösterreich. Nachdem sich schon viele schwäbische Benediktinerabteien der Melker Reform angeschlossen hatten, konnte diese sich 1497 auch in Neresheim durchsetzen, wie das noch erhaltene Reformdekret und eine für das Härtsfeldkloster angefertigte Regel- und Statutenhandschrift beweisen. Das ist das Verdienst des aus Höchstätt a.d. Donau stammenden und in Mönchsdeggingen eingetretenen, dann aber in Elchingen von der Reform geprägten Mönches Johannes Vinsternau, der zunächst als Prior und von 1510-1529 als Abt nicht nur den Neresheimer Konvent zu neuer Blüte führte sondern auch zu Beginn der Reformationswirren durch einen ausgedehnten Briefwechsel und viele Visitationen sich um das Überleben vieler Benediktinerklöster der Mainz-Bamberger Ordensprovinz gemüht hat. Selbst ein bedeutender Humanist wusste er aber auch, mit Hilfe des Grafen Martin von Oettingen-Wallerstein sein Kloster im Bauernkrieg 1525 vor Schäden und vor dem Eindringen der neuen Lehre zu bewahren. Wenig später wurde die Abtei Neresheim im Schmalkaldischen Krieg hart getroffen und 1552 durch den protestantischen Grafen Ludwig XV. von Oettingen aller Kirchengerät und wertvoller Bestände aus Bibliothek und Archiv beraubt.

Noch heute beweisen viele Schriften der Reformationszeit sowohl katholischer wie auch protestantischer Autoren in der Neresheimer Bibliothek, dass die Neresheimer Mönche sich den Problemen ihrer Zeit stellten. Am 25. November 1547 hatte der Vorkämpfer katholischer Reform in Süddeutschland, Otto Kardinal Truchsess von Waldburg, als der zuständige Diözesanbischof von Augsburg zusammen mit Kaiser Karl V. Neresheim besucht. Durch die Gründung der Universität Dillingen, an der die Jesuiten nicht nur lehrten, sondern auch nachhaltig den Priester- und Ordensnachwuchs formten, wurden auch der Abtei Neresheim wichtige Impulse für die Pflege der Wissenschaften im Kloster und die Förderung der Schulbildung auf dem Härtsfeld gegeben. Der Neubau des Kirchturms auf dem Ulrichsberg durch Abt Benedikt Rohrer (1616-1647) in den Jahren 1617 bis 1625 zeugt von der Lebenskraft der Abtei. Doch nach der Schlacht bei Nördlingen im September 1634 mussten die Mönche nach Oberösterreich fliehen. Die Schweden besetzten die Abtei; das Härtsfeld wurde weithin entvölkert. Nach dem Westfälischen Frieden mühte der stark geschrumpfte Konvent sich zäh durch drei Jahrzehnte um die Wiederherstellung des Klosters und die Wiederbesiedlung der Dörfer des Härtsfeldes. In diese Notzeit fällt auch die Entstehung der Wallfahrt Maria Buch im Wald nordöstlich des Klosters (1660 oder 1663). Erst Abt Simpert Niggl (1682-1706, + 1711) konnte an Neubauten auf dem Ulrichsberg herangehen: zunächst die Wirtschaftsgebäude des Gutshofes und der Klosterbrauerei (heute Klosterhospiz), dann zur 600-Jahr-Feier der Abtei 1695 die Barockisierung der romanischen Abteikirche, die 1568 einen gotischen Chor erhalten hatte, und endlich ab 1699 bis 1714 den Neubau des hochbarocken Konventgebäudes.

Zäh hatte Abt Simpert auf die Gründung der Augsburger Diözesankongregation, der Niederschwäbischen Benediktinerkongregation vom Hl. Geist, 1685 hingearbeitet, die acht Benediktinerklöster im Bistum Augsburg zusammenfasste: Füssen, Irsee, Ottobeuren, Elchingen, Fultenbach, Donauwörth, Mönchsdeggingen und Neresheim. Als geistlicher Begleiter nahm er von 1699 bis 1701 an der Reise des kaiserlichen Botschafters Graf Wolfgang IV. von Oettingen-Wallerstein von Wien über Budapest zur Ottomanischen Pforte in Konstantinopel teil. Das von seinem Sekretär P. Leonhard Haid geführte Reisetagebuch gab er 1701 in Augsburg in Druck. Als Anerkennung für seine Dienste wurde er und seine Amtsnachfolger zum kaiserlichen Rat und Erbkaplan ernannt.

Abt Amandus Fischer (1711-1729, + 1730) holte den jungen Dominikus Zimmermann nach Neresheim, damit er in den Jahren 1719 und 1720 den Festsaal des Klosters mit seinen einmaligen Ansichten der Abteien der Niederschwäbischen Kongregation in Stuck gestalte. In den meisten Dörfern des Härtsfeldes ließ Abt Amandus eine neue Kirche mit Pfarrhaus und eine Zehntscheuer erbauen. Dadurch wurden die Ernteabgaben zentral verfügbar und die wirtschaftliche Basis des Klosters wesentlich gestärkt. So konnte Abt Aurelius Braisch (1739-1755, + 1757) zwei große Aufgaben anpacken: 1. Um die Vogteirechte des Hauses Oettingen-Wallerstein über die Abtei Neresheim endgültig zu beseitigen, strebte er mit allen Kräften einen endgültigen Vergleich zwischen dem Kloster und der Grafenfamilie an. 2. Die romanisch-gotische, innen und außen barockisierte Neresheimer Abteikirche hatte beachtliche Altersschäden; zudem entsprach sie nicht mehr dem gewandelten Geschmack der Zeit. 1745 entschlossen sich Abt und Konvent zu einem Neubau, für den sie 1747 Balthasar Neumann als Architekt gewinnen konnten.

Die Vorarbeiten und die Planung zogen sich hin; doch am 4. Juli 1750 wurde feierlich der Grundstein gelegt. Leider starb am 19. August 1753 Balthasar Neumann: Er konnte seinen letzten und bedeutendsten Kirchenbau nur noch planen; nach seinem Tod wurde nach seinem Plan weitergearbeitet. Da aber die technischen Pläne für die Einwölbung der sieben Kuppeln fehlten, entschloss sich der Konvent zu einer Ausführung in Holz; die über der Vierung der Kirche aus dem Dach herausragende Hauptkuppel musste wie alle anderen Kuppeln unter das gewaltige Kirchendach heruntergenommen werden. So entstand im Äußeren ein monumentaler, aber schlichter Baukörper, flankiert vom alten Kirchenturm von 1625, während das Innere jener von 46 Fenstern lichtdurchflutete und von sieben Kuppeln überwölbte Raum ist, in dem barocke Kirchenbaukunst ihre reifste Gestalt findet.

Abt Aurelius Braisch musste beide großen Aufgaben, denen er sich mit Hingabe gewidmet hatte, unvollendet seinem Nachfolger, Abt Benedikt Maria Angehrn (1755-1787), überlassen. Ihm gelang endlich 1763/4 vor dem Reichshofrat in Wien der angestrebte Vergleich mit dem Hause Oettingen-Wallerstein. Dieses verzichtete auf die Vogteirechte und damit auf die Landeshoheit, die Abtei auf mehr als ein Drittel ihres Besitzes. Damit war die Abtei Neresheim nach vielen, ein halbes Jahrtausend währenden Mühen Reichsstift und erhielt Sitz und Stimme im Schwäbischen Prälatenkollegium. Nachdem 1769 die neue Abteikirche unter Dach und Fach war, wurde der Tiroler Martin Knoller, ein Schüler Paul Trogers in Wien und dann als Hofmaler ansässig in Mailand, für die Ausmalung der sieben Kuppeln der Abteikirche gewonnen. Von 1770 bis 1775, in sechs Sommern, schuf er mit nur wenigen Gehilfen sein gewaltiges Hauptwerk, den Neresheimer Christuszyklus, in dem jedes Kuppelbild die darunter im Kirchenraum vorgesehene Funktion deutet. Obwohl Balthasar Neumann und Martin Knoller einander nie begegneten, der eine war eine ganze Generation älter als der andere, schufen sie doch in Neresheim miteinander die letzte und reifste Barockkirche Europas. Alle Stuckzier, Altäre, Kanzel, Taufstein, Beichtstühle, Bänke, Gitter wurden ab 1776 einem gewandelten Stilempfinden folgend sehr einfühlsam in den Formen des Frühklassizismus von Thomas Schaidhauf, einem Wessobrunner aus Raisting/Ammersee, bis zum Ende des Jahrhunderts ausgeführt. In seinen späten Jahren förderte Abt Benedikt Maria Angehrn mit seinen Mönchen, die mehr und mehr vom Geist der Aufklärung geprägt wurden, in den Dörfern des Reichsstiftes die damals moderne Normalschule. Er stellte dem ihm befreundeten Herzog Carl Eugen von Württemberg P. Benedikt Maria Werkmeister als Hofprediger und P. Beda Pracher als Organisator des Volksschulwesens im Herzogtum zur Verfügung. 1779 gelang es ihm, das Gebiet des Reichsstiftes um die Hofmark Ziertheim zu vergrößern.

Der zweite und letzte Neresheimer Reichsprälat, Abt Michael Dobler (1787-1802, + 1815) war naturwissenschaftlich gebildet und bemühte sich um eine zeitgemäße Ausbildung der Jugend im Stiftsgymnasium, für das er eine umfangreiche Naturaliensammlung und viele physikalische und chemische Geräte beschaffte. Zudem ließ er das Gebiet des Reichsstiftes genau kartographisch aufnehmen. Auf seine Bitten hin konnte trotz der Wirren der Revolution in Frankreich endlich am 9. September 1792 die Abteikirche durch den Augsburger Weihbischof Johann Nepomuk von Ungelter feierlich konsekriert werden. Dann ließ Abt Michael die Hauptorgel von Johann Nepomuk Holzhey aus Ottobeuren als letzte große Barockorgel Süddeutschlands in den Jahren 1792 bis 1797 erbauen. Schon im August 1796 hatten sich französische Revolutionstruppen in der Schlacht bei Neresheim den Durchmarsch nach Bayern erkämpft und dabei die nahe dem Kloster gelegene Wallfahrtskirche Maria Buch in Flammen aufgehen lassen. Zwar konnte Abt Michael Dobler 1800 noch sein goldenes Professjubiläum feiern und den nach ihm benannten Dobler-Fond zur Ausbildung talentierter Jungen aus dem Reichsterritorium stiften, doch 1802 musste er die Säkularisation von Reichsstift und Kloster hinnehmen.

Am 26. September 1802 nahm der benachbarte und mit Abt Michael befreundete Fürst Carl Anselm von Thurn und Taxis vorläufig und am 22. Dezember 1802 endgültig vom Reichsstift Neresheim Besitz. Der Abt musste sich auf das Schlösschen Ziertheim zurückziehen, während der Konvent: 25 Patres und 5 Brüder als Lehrkörper an der bisherigen Klosterschule, ab 1803 als Lyceum Carolinum nach neuesten pädagogischen Vorstellungen neu gestaltet und von vielen Schülern besucht, im Kloster bleiben konnte. Erst als durch die Mediatisierung 1806 die Fürsten Thurn und Taxis die Landeshoheit und Landeseinkünfte an Bayern abtreten mussten, wurde die Lehranstalt geschlossen. Die Konventualen mussten bis auf wenige, die in fürstliche Dienste übernommen wurden, ihre Klosterheimat verlassen und widmeten sich der Seelsorge.

Im Auftrag seines Abtes und seiner Mitbrüder versuchte P. Karl Nack 1814 durch ein Bittgesuch an den Wiener Kongress die Wiederherstellung seines Klosters zu erreichen. Doch es war vergebens. 1810 war die Grafschaft Taxis und mit ihr das ehemalige Reichsstift Neresheim an das Königreich Württemberg gekommen. Sein erster König verhinderte einen geplanten Abbruch von Kirche und Kloster. Seit 1815 weilten die Fürsten von Thurn und Taxis im Sommer manchmal zur Jagd in Neresheim. Im Kloster wurden das Amtsgericht, die fürstliche Rentkammer und Wohnungen für den Schlosspfarrer und Bedienstete der Fürstenfamilie untergebracht; das Klostergut und die Klosterbrauerei waren verpachtet. Am 5.8.1854 war der letzte Konventuale, P. Willibald Spinnenhirn, als Kommorant in Lengenwang bei Füssen im Alter von 76 Jahren gestorben. Doch 1894 überließ Fürst Albert von Thurn und Taxis pachtweise einen Großteil der Klosterbauten &Vinzentinerinnen von Untermarchtal, die in ihnen von 1894-1904 ein Mädchenschutzheim (Anstalt vom Guten Hirten) und von 1905-1921 einen Kinderhort (Anstalt für behinderte Kinder) führten. Während des Ersten Weltkrieges war im Prälaturgebäude (Torbau) zudem ein Reservelazarett untergebracht.

Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie mussten die deutschsprachigen Benediktiner 1919 ihre Abtei Emaus in Prag verlassen. In ihrer südwestdeutschen Heimat suchten sie ein leer stehendes, altes Benediktinerkloster und kamen nach Neresheim, das Fürst Albert von Thurn und Taxis ihnen pachtweise überließ, während die Schwestern von Untermarchtal mit ihren Schützlingen in das fürstliche Schlösschen Heudorf am Bussen umzogen.

Von Papst Benedikt XV. wurde am 14. Juni 1920 die Abtei Neresheim wiedererrichtet und dem von Mönchen aus Emaus und aus Beuron gebildeten Konvent die Rechte des alten Klosters übertragen. Der von Erzabt Raphael Walzer, Beuron, als Abt am 19. August 1921 eingesetzte Beuroner Mönch P. Bernhard Durst (1921-1965, + 1966) empfing am 8. September 1921 von Diözesanbischof Paul Wilhelm von Keppler die Abtsbenediktion. Trotz großer wirtschaftlicher Not ging der neue Konvent sofort daran, die ursprünglich als Klosterbrauerei genutzten Gebäude für eine staatlich anerkannte landwirtschaftliche Winterschule mit 100 Internatsplätzen einzurichten. Diese bildete von 1923 bis 1938 und nach einer vom NS-Regime und den Nachkriegsverhältnissen (Nutzung als Cariatas-Altenheim) erzwungenen Unterbrechung von 1951 bis 1968 Jungbauern aus dem Oberland, Ostwürttemberg und Hohenlohe fachlich und menschlich weiter; einige Patres wurden durch ein Zweitstudium an der Universität Hohenheim als Fachlehrer ausgebildet. Die Räume der Schule wurden in den Sommermonaten für Exerzitien, Kurse und Tagungen, besonders auch des katholischen Akademikerverbandes, genutzt.

1927 legte ein Sohn des Fürsten Albert von Thurn und Taxis als Fr. Emmeram die Feierliche Profess ab. Aus diesem Anlass schenkte der Fürst Kirche, Klostergebäude und 200 ha Felder und Wiesen dem Neresheimer Konvent zurück. Während die Brüdermönche sich in einem landwirtschaftlichen Musterbetrieb und in den klostereigenen Werkstätten um den Lebensunterhalt und die dringend erforderliche Instandsetzung einiger Klosterbauten mühten, setzten die Patres ihre Kräfte in der Pflege einer von der Gregorianik geprägten feierlichen Liturgie, in der Seelsorge und in wissenschaftlicher Arbeit ein. Neben der barocken Bibliothek wuchs schnell eine neue heran, die den überkommenen Bücherbestand bald überrundete. Dank des Kinderreichtums katholischer Familien und ihrer tiefen Verwurzelung im Glauben nahm auch die Zahl der Mönche zu und erreichte bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit ca. 30 Patres und ca. 40 Brüdern den Höchststand.

Den nationalsozialistischen Machthabern war das Kloster ein Dorn im Auge. Da es aber rechtlich noch zum Besitz der Fürsten von Thurn und Taxis gehörte, konnte es nicht enteignet werden. Doch am 9. November 1940 wurde es von der "Volksdeutschen Mittelstelle" zur Unterbringung von ca. 1200 Umsiedlern beschlagnahmt und als Umsiedlungslager 18 für "Auslandsdeutsche", besonders Slowenen, bis August 1945 geführt. Dem Restkonvent, viele Patres und Brüder waren zum Wehrdienst eingezogen, verblieben die Klosterkirche, der Konventgarten und eine beschränkte Anzahl Räume im Konventsbau: Das feierliche Gotteslob musste nie verstummen.

Zu der Sorge für die eigene Abtei musste Abt Bernhard Durst von 1948 bis 1960 als Präses der Beuroner Benediktinerkongregation auch noch die Verantwortung für alle Männer- und Frauenklöster dieses Verbandes auf sich nehmen. Von Alter und Krankheit gezeichnet legte er am 25. Juli 1965 die Leitung der Abtei nieder. Als seinen Nachfolger wählte der Konvent aus seiner Mitte am 14. August 1965 P. Johannes Kraus (1965-1977) zum Abt, der am 8. September 1965 von Diözesanbischof Carl Joseph Leiprecht seine Weihe erhielt. Schon unter Abt Bernhard war von 1936-1938 der Chor der Abteikirche gemäß den Plänen Balthasar Neumanns umgestaltet worden: Verlegung des Hochaltars unter die Abendmahlskuppel ins Chorende, des Chorgestühls unter die Auferstehungskuppel davor. Damit war den liturgischen Bedürfnissen in der Mitte des 20. Jahrhunderts entsprochen worden. Der Konvent hatte zum 40-jährigen Abtsjubiläum von Abt Bernhard 1961 die nach dem Krieg verbliebenen zwei kleinen Glocken aus dem 15. und 16. Jahrhundert um fünf tiefere Glocken zu einem wohlklingenden Geläute ergänzt. Doch nun musste die Abteikirche unter Abt Johannes von 1966 bis 1975 grundlegend statisch saniert und umfassend denkmalpflegerisch restauriert werden: Baufehler aus der Erbauungszeit und Alterungsschäden aus den folgenden zwei Jahrhunderten hatten den Baukörper so geschwächt, dass Zusatzbelastungen aus dem Überschallknall der Düsenjäger nicht mehr aufgenommen werden konnten und mit einem Einsturz des Daches über der Vierungskuppel gerechnet werden musste.

Daher wurde die Abteikirche am 13. Juni 1966 baupolizeilich geschlossen. In beispielhafter Zusammenarbeit namhafter Baufachleute mit den Denkmalpflege- und Baubehörden des Landes Baden-Württemberg gelang es, den gewaltigen Kirchenbau statisch zu sichern. Um ihn in seiner exponierten Lage vor den Unbilden des Wetters und des Sturms besser zu schützen, erhielt er ein Kupferdach. Das Innere wurde nach Maßgabe moderner Denkmalpflege so restauriert, dass es sich heute so zeigt, wie Bauherr und Künstler es im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts gestaltet hatten. Den Erfordernissen einer nachkonziliaren Liturgie folgend wurde der Altartisch des Hochaltars umschreitbar freigestellt und am 9. September 1975 von Diözesanbischof Georg Moser konsekriert. Damit war die Abteikirche als Mitte des Klosters nach mehr als neun Jahren ihrer Bestimmung zurückgegeben; nach weiteren vier Jahren konnte die Hauptorgel, die letzte große Barockorgel Südwestdeutschlands, wieder im Originalton erklingen.

Seither wird die Abteikirche jedes Jahr von vielen Tausenden Touristen besucht; ihnen erschließen die Mönche in Kirchenführungen diesen Raum als Gesamtkunstwerk aus den Quellen christlichen Glaubens. Ebenfalls seit Wiedereröffnung der Abteikirche lassen im Sommer vier Konzerte international bekannter Interpreten den Raum als Einheit von Architektur und Malerei, von Licht und Ton erfahrbar werden.

Mit Rücksicht auf seine Gesundheit und sein Alter resignierte Abt Johannes am 16. August 1977; schon am 27. Oktober 1977 wurde er plötzlich von Gott heimgerufen. Zu seinem Nachfolger wurde am 23. August 1977 P. Norbert Stoffels gewählt und am 8. September 1977 von Diözesanbischof Georg Moser als Abt benediziert. Da die Modernisierung und Mechanisierung immer mehr Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft entließ und die landwirtschaftliche Winterschule zusehends von weniger Schülern besucht wurde, musste diese gemäß Konventbeschluss 1968 geschlossen werden. Nach reiflicher Überlegung ließ die Abtei die bisher schulisch genutzten Gebäude von 1970 bis 1987 unter Mithilfe von Kirche und Land zu einem modernen Tagungshaus mit Touristengastronomie um- und ausbauen: dem Neresheimer Klosterhospiz. Unter den Leitworten Besinnung, Bildung und Begegnung bietet es im Neresheimer Programm seit 1968 jedes Jahr ca. 100 Veranstaltungen an; dazu kommen viele Gasttagungen von Verbänden und Unternehmen. Seit 1991 ergänzt das Martin-Knoller-Haus, eines der Beamtenhäuser des ehemaligen Reichsstiftes am Ulrichsberg, als Jugend- und Familienbegegnungsstätte das Hospiz. Die vielfachen Arbeiten kann der geschrumpfte Neresheimer Konvent nur in Zusammenarbeit mit dem Eigenbetrieb Bildungshäuser der Diözese Rottenburg-Stuttgart leisten. Doch hofft er, auch im 21. Jahrhundert für das tägliche Gotteslob und für alle Menschen, die auf den Neresheimer Ulrichsberg kommen, da sein zu können.

N. STOFFELS OSB     
LITERATUR
-<Württ. Klosterbuch> 531-538.
- 900 Jahre Benediktinerabtei Neresheim. Aalen 1995.
QUELLEN
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 14 Nr. 185: Diplomatare
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 229: Lagerbücher der Klöster und Stifte: Neresheim
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 1 Nr. 235: Allgemeine Sammlung von ungedruckten Schriften zur Landesgeschichte
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart N 11: Land- und Flurkarten betreffend Neuwürttemberg
-Staatsarchiv Ludwigsburg B 165: Bopfingen, Reichsstadt
-Staatsarchiv Ludwigsburg B 479: Neresheim, Benediktinerkloster
-Generallandesarchiv Karlsruhe 69 von Racknitz: Familien- und Herrschaftsarchiv von Racknitz
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