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Franziskanerkloster Villingen - Geschichte

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Abbildung  Button Bildnis des Franziskanerguardians Adrian Funk (1702-1712) mit zweifacher Darstellung der Franziskanerklosterkirche, 18. Jh.
Auf Betreiben des damaligen Stadtherrn Graf Heinrich I. von Fürstenberg siedelte sich der Franziskanerorden 1268 in Villingen an. Organisatorisch gehörte diese Niederlassung zur Bodenseekustodie der oberdeutschen (oder Straßburger) Provinz des Ordo Fratrum Minorum, seit den josephinischen Reformen der 1780er Jahre zur Rheinkustodie der neugeschaffenen (vorder-)österreichischen Provinz. Noch im Gründungsjahr wurde am westlichen Rand der Stadt nahe des heutigen Riettores mit der Errichtung des Konventsgebäudes und einer gotischen Saalkirche samt polygonalem Chor begonnen, die der Konstanzer Weihbischof Bonifatius 1292 zusammen mit dem angeschlossenen Friedhof konsekrierte. Der Kreuzgang kam erst im 15. Jh. dazu.

Nachdem 1326 die obrigkeitliche Gewalt über Villingen von den nahen Fürstenbergern an die fernen Habsburger abgetreten worden war, nahm der städtische Magistrat verstärkt Einfluss auf die Geschicke des Franziskanerklosters, das sich rasch zu einem festen Bestandteil der lokalen Gesellschaft entwickelte. Immer wieder fanden in dem Gotteshaus kommunale Versammlungen statt, darunter regelmäßig die Ratswahl und die Verlesung des Stadtrechts. Wie keine andere Villinger Institution zog der Konvent, dessen Mitglieder sich in seiner Spätphase fast exklusiv aus einheimischen Familien rekrutierten, bürgerliche und adelige Stifter an. Mehrere Bruderschaften hatten, bevor Kaiser Joseph II. sie 1784 eliminierte, ihre Altäre in der Kirche und ihre Begräbnisstätten auf dem Friedhof oder im Kreuzgang. Zu ihnen zählte die Passionsbruderschaft, die vom 16.-18. Jh. das Monasterium zu einem Schauplatz aufwendig gestalteter Passionsspiele machte. Die Pflege des Theaters war auch ein Anliegen des Gymnasiums, das die Bettelmönche seit 1650 leiteten. Es wurde 1711 um eine philosophische "Oberstufe" (Mertens) zur Vorbereitung auf das Universitätsstudium erweitert, dann aber 1774 zugunsten des örtlichen Benediktinergymnasiums aufgelöst bzw. zu einer Normalschule für Jungen degradiert.

Wenn sie in Villingen weilten, logierten die Angehörigen des habsburgischen Herrscherhauses gerne bei den Minoriten, so auch Erzherzog Albrecht VI., der hier 1455 mit dem aus Villingen stammenden Polyhistor Matthäus Hummel über die Einrichtung einer Universität in Freiburg im Breisgau beriet. Hummel avancierte 1460 schließlich zum ersten Rektor der Albertina, die ihren Lehrbetrieb in der Frühen Neuzeit des öfteren in das Villinger Franziskanerkloster verlegen musste, um der in Freiburg wiederholt wütenden Pest zu entgehen. Bei einer solchen Gelegenheit wurde 1611 der nachmalige Kapuzinermärtyrer Fidelis von Sigmaringen zum Doktor der Jurisprudenz promoviert.

In Form von Predigt und Sakramentenspendung erfüllten die Villinger Minderbrüder, die im innerfranziskanischen Streit um die Auslegung der Ordensregel zwischen strengen Observanten und moderaten Konventualen stets auf der Seite von letzteren standen, wichtige geistliche Funktionen für die Stadtbevölkerung, allerdings in einem angespannten Konkurrenzverhältnis zum Pfarrklerus des Liebfrauenmünsters. Häufig tagte das Provinzialkapitel im Kloster, welches selbst eine Reihe bedeutsamer Provinziale hervorbrachte, z. B. Heinrich Stolleisen (+ 1556) und Johann Kircher (+ 1595), beide Hofprediger in habsburgischen Diensten, oder den kaiserlichen Rat Heinrich Karrer (+ 1483). Zu seinen Meriten gehört es, die Mystikerin Ursula Haider zum erfolgreichen Aufbau einer Klarissengemeinschaft nach Villingen berufen zu haben. Ebenfalls ein Eigengewächs der hiesigen Franziskaner war Johannes Pauli, ein herausragender Homilet des Spätmittelalters.

Als das katholische Villingen 1633 und 1634 während des 30-jährigen Krieges dreimal vergeblich von württembergischen und schwedischen Truppen belagert wurde, entwickelte sich der Barfüßerkonvent zum organisatorischen Zentrum einer konfessionell geprägten Sinngebung und Bewältigung der Ereignisse. Besonderes Profil gewann dabei Johann Ludwig Ungelehrt (genannt a Musis, 1599-1662), zu jenem Zeitpunkt Guardian des Franziskanerklosters Speyer und 1628-1631 sowie 1639-1642 oberdeutscher Provinzial, der auch zwei gereimte Berichte in deutscher Sprache über die Belagerungszeit verfasste. Siebzig Jahre später (1704) sah sich die Stadt erneut schwerem Beschuss ausgesetzt, und zwar durch eine französische Armee unter Marschall Tallard im Rahmen des Spanischen Erbfolgekrieges: Diesmal trug die Niederlassung der Minoriten so starke Schäden davon, dass ein kostspieliger, auf Fürsprache von Prinz Eugen von Savoyen teilweise vom Kaiserhof finanzierter Wiederaufbau unumgänglich erschien. Er dauerte bis 1715; wesentliche Resultate waren die Vergrößerung der Gesamtanlage, diverse Barockisierungen (vor allem mancher Kirchenfenster) und der Ersatz des steinernen Deckengewölbes im Chor durch eine flache vergipste Holzdecke.

Die vielfältigen Einschränkungen des monastischen Lebens in der theresianischen und josephinischen Ära gingen einher mit einem quantitativen Verfall: Tummelten sich gegen Ende des 15. Jh. über zwei Dutzend Patres bei den Villinger Franziskanern, verblieben 1791 gerade noch deren vier. 1797 wurde das Kloster offiziell aufgehoben, nachdem es seine Insassen bereits sechs Jahre zuvor verlassen hatten, um Platz für eine Nutzung als Kaserne zu schaffen. Das Archiv zerstreute sich ebenso in alle Winde wie die "nicht unbedeutende" (Roder) Bibliothek mit ihren zahlreichen Drucken und Handschriften speziell aus dem späteren Mittelalter. Militärische, administrative und schulische Verwendungszwecke wechselten einander ab, bis die mittlerweile badische Stadt Villingen in den Besitz der Liegenschaft gelangte und seit den 1820er Jahren dort ein Spital bzw. Altersheim unterhielt. Massive Umbauten und Zerstörungen waren die Konsequenz. 1978 begann, nach vereinzelten Restaurierungen in den vorangegangenen Jahrzehnten, eine umfassende Sanierung des ganzen Gebäudekomplexes, die das Franziskanerkloster in ein Kulturzentrum mit Raum für ein Konzerthaus und ein historisches Stadtmuseum verwandelte.

CHRISTIAN SCHULZ     
LITERATUR
-<AFA> 3 (1957) 19-44 (P. REVELLIO).
- <KDB II> 131f.
- B. STENGELE: Das ehemalige Franziskaner-Minoriten-Kloster in Villingen. In: <FDA> NF 3 (1902) 193-218.
- Chr. RODER: Die Franziskaner zu Villingen. In: <FDA> NF 5 (1904) 232-312.
- P. REVELLIO: Das Franziskanerkloster zu Villingen. In: DERS.: Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen. Gesammelte Arbeiten. Villingen 1964, 125-144.
- D. MERTENS: Das Franziskanerkloster in Villingen. Zur Geschichte seiner baulichen Nutzung. In: Jahresheft Geschichts- und Heimatverein Villingen 18 (1993/94) 9-23.
- E. BOEWE-KOOB: Eine Handschrift aus dem Franziskanerkloster in Villingen. In: Jahresheft Geschichts- und Heimatverein Villingen 23 (1999/2000) 34-51.
QUELLEN
-Generallandesarchiv Karlsruhe 122: Triberg, Herrschaft, Amt und Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 184: Villingen, Amt und Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 229: Spezialakten der kleineren Ämter und Orte
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