Klöster in Baden-Württemberg
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Franziskanerkloster Reutlingen - Geschichte
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Die ersten Reutlinger Franziskanermönche kamen vielleicht um das Jahr 1250 aus Pfullingen. Chroniken des Ordens nennen das Jahr 1259 als Weihedatum ihrer Reutlinger Kirche, urkundlich belegt ist der Konvent erstmals 1273. Sechs Jahre später tagte erstmals ein Provinzialkapitel der Straßburger Provinz des Ordens in Reutlingen. Ab Mitte der 1280er Jahre siegelte das Kloster in Rechtsgeschäften mit einem eigenen Siegel. Gleichwohl lag die Verwaltung des stetig anwachsenden Besitzes des Konvents formal in den Händen eines vom Rat bestellten Verwalters. Der Grundbesitz wurde aus Stiftungen, aber auch durch Zukäufe stetig gemehrt.
Um 1500 besaß der Konvent Güter und Höfe in Altdorf, Altenried, Betzingen, Heimbach bei Weinsberg, Immenhausen, Kusterdingen, Melchingen, Metzingen, Niedernau, Ofterdingen, Undingen, Walddorf, Wankheim und Willmadingen. Hinzu kamen drei Weinberge und Rechte an Gebäuden und Flurstücken in Reutlingen selbst.
Während es in anderen Städten wegen der Konkurrenz in der Seelsorge häufig zu Konflikten zwischen dem übrigen Klerus und den Franziskanern kam, scheint das Verhältnis von Weltgeistlichen und Brüdern in Reutlingen insgesamt sehr gut gewesen zu sein. Über die Jahrhunderte hinweg wohnten Pfarrer aus der Stadt Tür an Tür mit dem Konvent. Auch im Streit zwischen Papst Johannes XXII. und König Ludwig von Bayern stellte sich die Reutlinger Niederlassung der Minoriten auf die Seite des Weltklerus: Anders als die meisten Franziskaner der Straßburger Provinz befolgten sie das über das Reich verhängte Interdikt von 1327, also das päpstliche Verbot, die Messe zu lesen.
Der Konvent erschien am Vorabend der Reformation gefestigt. Noch 1522 lebten 40 Mönche im Kloster, einer mahnte bei der Stadt mehrfach die Schließung des örtlichen Bordells an. Bis zur Abschaffung der Messe 1526 verließen dann mehrere Franziskaner das Haus, verheirateten sich oder wurden evangelische Pfarrer. Erst 1535 verkauften der letzte Guardian Johannes Schmidt und sein Vize das Kloster an die Stadt. Sie erhielten im Gegenzug dafür eine jährliche Rente von 50 Gulden solange sie in Reutlingen bleiben würden. Von anderen Bewohnern des Konvents ist in dem Vertrag nicht mehr die Rede.
Die Franziskaner entfalteten in Reutlingen eine beachtliche Bautätigkeit. Schon 1259 hatten sie mit Spenden aus der Bevölkerung einen eigenen Kirchenbau begonnen. Das Grundstück gab ihnen die Stadt dazu. Die Kirche befand sich neben dem Marchtaler Klosterhof. Sie wurde gegen 1539 abgebrochen, ihre Steine verwendete man zum Neubau der Spitalkirche am Markt.
Das Klostergebäude selbst muss zur Zeit des ersten Provinzialkapitels in Reutlingen 1279 schon soweit fertiggestellt gewesen sein, dass es den angereisten Brüdern Unterkunft bieten konnte. Jahreszahlen über den Eingängen auf der Süd- und Ostseite verweisen auf zahlreiche Umbauten in der Reformationszeit, nach denen der Bau als Spital diente. Mit der Stadt ging er 1802/03 in den Besitz Württembergs über, wurde Oberamtei, Kaserne und Wohnsitz des Regierungspräsidenten. Heute gehört der stattliche Bau am Kanzleiplatz, noch immer eines der größten Fachwerkgebäude Württembergs, wieder der Stadt. Diese unterhält dort das Friedrich-List-Gymnasium.
DANIEL GOTZEN     
LITERATUR
-<Württ. Klosterbuch> 395f. (D. GOTZEN).
- <AFA> 17 (1972) 128-168 (J. GATZ).
- <KB Reutlingen> II, 339 (Lit.).
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