Klöster in Baden-Württemberg
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Augustiner-Chorherrenpropstei Riedern am Wald - Geschichte

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Das ursprünglich möglicherweise als Doppelstift mit den Augustinerinnen Maria sedens geführte Augustiner-Chorherrenstift in Riedern am Wald wurde zwischen 1130 und 1150 unter dem Patrozinium Christus und Maria im Ortsteil Detzeln von einem "liber homo et nobilis Marcwardus" gegründet und vor 1214 nach Riedern verlegt, wo nur mehr "Maria stans" als Patrozinium auftritt (Stiftungsbrief Konrads III.) Die Verlegung nach Riedern dürfte im Zusammenhang mit der Übernahme der Seelsorge an der Pfarrkirche St. Leodegar zu sehen sein, die in der Folge in das Stiftsgebäude integriert wurde (Kirchweihfest Sonntag vor St. Leodegar, 2. Oktober). Das Chorherrenstift besaß bis zum Ende den Platz, auf dem das Stift Detzeln gestanden hatte, und 1214 tritt der erste "prepositus de Riede" auf. Die kleine Augustiner- Chorherrengemeinschaft, die kaum je mehr als fünf Mitglieder umfasste, stellte jeweils den Gemeindepfarrer und kümmerte sich um die Seelsorge im nahe gelegenen Frauenkloster, von dem es sich 1350 mit einem Vertrag trennte. Der Pfarrbezirk umfasste Riedern, Ühlingen, Witzhalten, Hürrlingen, Seewangen, Igelschlatt, Buggenried, Kasslet, Mettenberg, Rötenberg und Teile von Ripoldsried.

Die Herren von Krenkingen, maßgebliche Stifter in der Anfangszeit, waren gleichzeitig Vögte der Gemeinschaft, bis die von Rötteln, das Kloster St. Blasien und erneut die Krenkingen-Weißenburg die Vogteirechte übernahmen. Seit der Kaiser 1415 die freie Vogtwahl zugestanden hatte, waren spätestens ab 1417 die jeweiligen Inhaber der Landgrafschaft Stühlingen Vögte.

Das Archiv der Propstei ist verschollen, so dass wir auf ein altes Repertorium, Urkundenabschriften des Pfarrers in Riedern, Johann Baptist Lechner (1744-1752), und Informationen der Kreuzlinger Chorherren Ignatius Schmider und Adam Widl angewiesen sind.

Bis 1350 wirkten die Chorherren in engem Kontakt zu den oben erwähnten Augustiner-Chorfrauen der unteren Propstei (Maria sedens), teilten Rechte und Güter und deren Verwaltung. Bei der Trennung vom Chorfrauenstift unter Konrad I. (1327-1350) 1350 wurden die Rechte vertraglich aufgeteilt, wobei die Frauen einen nicht geringen Einfluss, insbesondere bei der Propst- und Kirchenpflegerwahl, beibehielten und die Chorherren für die Seelsorge verantwortlich blieben. Auf anhaltenden Druck des Klosters Kreuzlingen, das seit 1399 Generalvisitator aller Niederlassungen der Diözesen Mainz, Köln und Konstanz war, vermochte sich im 15. Jh. trotz zähem Widerstand der Frauen ein Vorschlagsrecht des Abtes von Kreuzlingen durchzusetzen. Noch 1459 verhinderten die Frauen die Wahl von Johannes Bapst zu Gunsten von Ortolph Welck (1459-1465). Nach einer Zeit innerer Unruhe waren seit 1520 alle bekannten Pröpste vorher Konventualen oder Dekane in Kreuzlingen gewesen und stammten zumeist aus dem süddeutschen Raum. Einzelne wurden danach sogar Äbte in Kreuzlingen. Trotz zweier Kirchenbrände (1504 und 1549), die die Propstei in finanzielle Schwierigkeiten brachten, scheint die Gemeinschaft die Reformation ziemlich unbeschadet überstanden zu haben. Es sind zahlreiche Gütergeschäfte und die Weihe zweier neuer Altäre bekannt. Unter Peter Schmidter (1607-1626) zeigten sich Zeichen der wirtschaftlichen Gesundung: die Propstei wurde renoviert und ausgeschmückt, die Kirchenbauschulden abbezahlt und 1629 der Konventsbau neu errichtet. Erst der 30-jährige Krieg, die Einquartierung von Soldaten und Kriegssteuern, sowie die Schäden an Wirtschaft und Gebäuden machte dem Konvent so zu schaffen, dass nach der Visitation von 1637 die Inkorporation ins Kloster Kreuzlingen beschlossen wurde. Zeitweise scheint nur mehr ein einziger Konventuale in Riedern gewesen zu sein, so dass eine Quelle das Stift als "öd und verlassen, gantz verwildert, ... würklich kein convent" schildert. Propst Bernhard Wenglin dankte zu Gunsten des Kreuzlinger Abtes Jakob Denkinger ab. In einem Vertrag von 1637 verzichteten die Frauen auf ihre Rechte in der Propstei, wurden dem Bischof von Konstanz unterstellt und der Abt von Kreuzlingen setzte fortan einen Statthalter - oft unter dem Titel Propst - ein.

Zum Besitz der Gemeinschaft, der sich in etwa mit dem Seelsorgegebiet deckte, zählten besonders die Stiftungsgüter in Detzeln und der näheren Umgebung des Stiftes in Riedern und Rassbach, Griessen, Münchingen, Reutehof, Bergöschingen, Weilerhof, Ransbach, Kiesenbach, Schmitzingen und Esch. Das Stift besaß ebenfalls zwei Dinghöfe bei Detzeln (bei "Dierberg" und Griessen). Neben Zinsen in Mettingen und Aichen sowie Stiftungen kamen im 14. Jh. weitere Höfe in Riedern, Hürrlingen und Witzhalden bei Birkendorf dazu. Bekannt sind ferner auch Zehnten aus Riedern, Ühlingen, Witholder, Hürrlingen, Buggenriedt, Seewangen, Mettenberg, Kasslet, Riepoldsriedt, Igelschlatt, Rottenberg und Rötteln. Namentlich bekannt sind der Besitz eines "Weingartens" in Krenkingen, die Riederstegmühle mit Wirtshaus und Badstube (15. Jh.), der Meierhof, Wiesen und die Lochmühle in Weyler bei Mandach (17. Jh.). Das Schloss Weyler gehörte seit 1548 dem Stift.

Aus dem 18. Jh. ist lediglich ein Brand der Propstei (16. Juli 1740) und der noch heute sichtbare Wiederaufbau unter Johann Baptist Dannecker (1710-1752) bekannt. Die Benedizierung der neuen Kirche erfolgte 1743, die Neuweihe 1749. Außerdem wissen wir, dass Dannecker neue, strengere Ordensregeln erlassen hatte.

1802/03 wurde der noch aus drei Mitgliedern bestehende Konvent wegen seiner Zugehörigkeit zum schweizerischen Kreuzlingen nicht aufgehoben, sondern kam in den Besitz des Stühlinger Obervogtes Bauer, der den Verkauf von Klostergut und den Personenaustausch insbesondere mit Kreuzlingen trotz vehementem Protest verbot. Kreuzlingen sah seine Rechte bedroht und verkaufte den gesamten Besitz an die Basler Bürger Johann Jakob Schmid und Richard Landerer, die in den Stiftsgebäuden eine Brauerei einrichteten. Als das Unternehmen misslang, kamen die Anlagen an Riederner Bürger und 1838 an die Gemeinde, die darin Rathaus, Schule und Pfarrei einrichtete. In der Gemeindereform ging der ganze Komplex, der teilweise schon seit dem 19. Jh. der Kirche gehört hatte, an die Kirchengemeinde über.

Was bedeutende Konventsmitglieder anbelangt, so sind, neben dem so genannten Bauabt Johann Baptist Dannecker, Johann Baptist Lechner, Konventuale aus Kreuzlingen und Pfarrer in Riedern, der aus den Archivalien die Geschichte des Stiftes Riedern bis 1652 verfasste, und Bruno Kible (1784-1805), Professor der Theologie, zu nennen.

Über die Baugeschichte ist bekannt, dass vor dem Brand von 1504 zwei neue Altäre für die Jungfrau Maria, Anna, Lazarus und Maria und Dorothea, die heiligen Bischöfe Wolfgang, Theodul und Maria Magdalena in den Vorgängerbauten errichtet worden waren. Die bestehende Klosteranlage stammt von 1741/42 und wurde 1973 renoviert. Der verlängerte Ostflügel des zweigeschossigen, dreiflügeligen Baus mit Walmdach wurde an die Kirche angebaut; der fehlende Nordflügel im 18. Jh. durch eine Mauer ersetzt. Ein repräsentatives Rundbogentor bildet den ehemaligen Haupteingang, der zur Überwindung des fast geschosshohen Sockelgeschosses durch einen bogenbrückenartigen Zugang erschlossen ist. Auf dem Südflügel befindet sich ein Glockenständer mit der Betzeitglocke. Die Kirche ist ein barocker, dreiachsiger Saalraum mit gerade geschlossenem Chor. Das Kircheninnere ist ein großzügiger, nach oben durch ein abgeflachtes Stuckgewölbe (Wessobrunner Schule, nach Wörner: Joh. Georg Gigel oder Franz Joseph Vogel aus Freiburg) mit Stichkappen abgeschlossener Saalraum. Kanzel und Hochaltar könnten von den einheimischen Gebrüder Pfluger aus Birkendorf stammen, die Altargemälde (Doppeldarstellung der Übergabe des Rosenkranzes an den hl. Dominikus und des Skapuliers an den hl. Simon Stock; Maria, Leodegar, Ulrich) sind ebenfalls aus der Zeit des Wiederaufbaus und stammen von Jacob Carl Stauder, eventuell in Zusammenarbeit mit Johann Michael II. Beer von Blaichten. Erstaunlicherweise wird der Platz unterhalb der Mutter Gottes nicht von Augustinus eingenommen, sondern von zwei anderen Ordensangehörigen. Die Seitenaltäre, ebenfalls von Stauder, zeigen die hll. Joseph und Johann Nepomuk, Anna und Sebastian, 1745. Tabernakelanlage und Kruzifix stammen aus der Zeit um 1900. Der heutige Zugang geschieht von der westlichen Südseite des Chores über eine Freitreppe. Die Sakristei ist auf der Nordseite angebaut. Im Süden der Kirche steht die Sandsteinfigur des Schutzpatrons, des hl. Johann Nepomuk, mit dem Wappen des Abtes Dannecker und der Jahreszahl 1742.

Die Architektur des Treppenhauses lässt auf Johann Michael II. Beer schließen, während der prunkvolle türkisfarbene und weiß-blaue Fayenceofen im Arbeitszimmer der mit feinem Stuck ausgestatteten "Prälatenwohnung" das Wappen des Kreuzlinger Abtes J. Baptist Dannecker trägt (1742).

DORIS STÖCKLY     
LITERATUR
-<HelvSac IV/2> 248-302. (mit Quellen- und Literaturverzeichnis)
- <KDB III> 18.
- _ K. KUHN: Das Regulirte Chorherrenstift Kreuzlingen. In: Geschichte der thurgauischen Klöster (Thurgovia Sacra) 2. Frauenfeld 1876, 241-375.
- H. MAURER: Die Anfänge des Augustinerchorherrenstiftes Riedern am Wald und die Erschliessung des südöstlichen Schwarzwaldrandes. In: <ZGO> 115 (1967) 1-42.
- H. SCHMID: Die Säkularisation der Klöster in Baden 1802-1811. In: <FDA> 98 (1978) 171-352; % 99 (1979) 173-375.
- Pfarrkirche St. Leodegar, Riedern am Wald. Jubiläumsschrift zur 250-Jahr-Feier der Wiederherstellung und Benedizierung der Kirche im Jahr 1743. Riedern am Wald 1993.
QUELLEN
-Generallandesarchiv Karlsruhe 229: Spezialakten der kleineren Ämter und Orte
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