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Prämonstratenserabtei St. Maria und Peter Weißenau - Geschichte

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Abbildung  Button Die Prämonstratenserabtei Weißenau. Kupferstich von J. M. Steidlin, um 1734.
1145 entstand als Stiftung des wohlhabenden Gebizo von Ravensburg/Peißenberg ein Prämonstratenserstift bei Ravensburg; der Gründungskonvent kam aus Rot an der Rot. Das von einem Propst geleitete Stift wurde als Doppelkloster mit Männer- und Frauenkonvent in der kleinen Hube Au in der Schussenniederung eingerichtet; wegen der weißen Ordenstracht ist daraus der Name "Weißenau" entstanden. Obwohl der Stifter 1153 ums Leben kam und erst einen Teil der beabsichtigten Ausstattung übertragen hatte, wurde 1156 der Bau der Klosteranlage in Angriff genommen. Der Männerkonvent blieb in der Au, wo die Kirchweihe am 12. September 1172 auf den Titel Maria und Peter stattfand. Die Anlage für den Frauenkonvent entstand etwa 500 Meter südlich am Platz des aufgelassenen Hofes Maisental; hier war die Kirche schon 1166 fertiggestellt. Um 1200 zählte das von Weißenau abhängige, bis ins 14. Jh. bestehende Frauenkloster Maisental 90 Schwestern, der Männerkonvent 24 Chorherren und 60 Laienbrüder. Weißenau hatte 1183 den Gründungskonvent für das Tochterkloster Schussenried abgegeben; 1230 erhielt es auch das vom Stift Churwalden getrennte Prämonstratenserstift Rüti am Zürichsee als Tochter zugewiesen.

Der Weißenauer Konvent rekrutierte sich in den ersten 100 Jahren aus dem oberschwäbischen Niederadel, aus der welfisch-staufischen Ministerialität und aus freien Bauernfamilien. Als Mitgift eintretender Männer und Frauen erhielt das Stift zahlreiche Besitzungen (aufgelistet in Papstprivilegien von 1219 und 1262). Der Auf- und Ausbau von selbst bewirtschafteten Gutshöfen (Grangien) dominierte die Klosterwirtschaft im 12. und 13. Jh.; Stadthöfe in Überlingen, Buchhorn und Lindau stellten den Absatz der landwirtschaftlichen Produkte sicher. Die mit dem Einzug des Kreuzzugszehnten 1275 verbundene "Einkommenserklärung" belegt, dass Weißenau mit seiner im großen Stil betriebenen Eigenwirtschaft zu einem der reichsten Klöster Schwabens geworden war. Die 1257 vollzogene Erhebung der Propstei zur Abtei war durch den wirtschaftlichen Aufschwung hinreichend begründet.

Zu diesem Zeitpunkt, mitten im Interregnum nach dem Ende der Stauferkönige, war die Wirtschaftsverfassung bereits schwer erschüttert; Plünderungen, Raub und Zerstörungen sowie Mangel an Bargeld zwangen das Stift ab 1266 zum Verkauf zahlreicher Lehengüter bis in die Umgebung des Klosters sowie zur Aufgabe mehrerer Eigenbetriebe. Erst das Eingreifen von König Rudolf von Habsburg gegen den schwäbischen Adel setzte der rasanten Talfahrt um 1280 ein Ende. In den folgenden 30 Jahren konnte das Stift einen Teil der verlorenen Besitzungen zurückerwerben; die alte Wirtschaftskraft wurde aber nicht mehr erreicht. Der Rückgang der Laienbrüder zwang zur 1335 abgeschlossenen Verleihung der Gutshöfe an Bauern; beibehalten wurde die Eigenwirtschaft nur - bis 1803 - in der unmittelbaren Umgebung des Klosters.

Neuer Schwerpunkt wurde die Seelsorge auf zuletzt elf, teils aus ehemaligen Gutshöfen hervorgegangenen, teils ab 1197 erworbenen und im 14./15. Jh. dem Klostervermögen inkorporierten Pfarreien; ihre Betreuung durch Chorherren war in bischöflichen und päpstlichen Privilegien seit 1199 abgesichert. Bis 1803 betreute das Stift die Pfarreien Bodnegg, Gornhofen, Grünkraut, Manzell. Obereisenbach, Obereschach, Oberzell, Ravensburg (St. Jodok), St. Christina, Taldorf, Weißenau; über lange Zeiträume war das Stift auch für die Pfarreien Bernloch auf der Alb (bis 1534), Ummendorf bei Biberach (bis 1554), Bregenz und Wolfurt (bis 1601) sowie Wilhelmskirch (bis 1651) verantwortlich.

In der wirtschaftlichen Blütezeit des 12./13. Jh. besaß Weißenau eine große Bibliothek mit eigenem Skriptorium. Von landesgeschichtlicher Bedeutung sind die um 1220/60 entstandenen Werke der Hauschronistik, bekannt als "Acta sancti Petri in Augia". Vergleichbare Werke sind erst wieder im 16. Jh. durch Abt Jakob Murer (1523-1533) entstanden, darunter eine illustrierte Chronik des Bauernkriegs. Ansehnliche chronikalische Leistungen wurden auch im 18. Jh. erzielt, darunter die 1733 neu begonnenen, zunächst ab 1533 ergänzten und dann bis 1784 fortlaufend geführten "Libri Praelatorum" (7 Bde.). Theologische und pastorale Werke sind in Weißenau nur in geringem Umfang entstanden; hervorzuheben sind spirituelle Werke von P. Gallus Klessel (+ 1633) und Predigtbücher von P. Petrus Fäustle (+ 1806). Der bedeutendste Musiker des Stifts war P. Christian Keifferer (+ 1635).

Eine aus Straßburg stammende, von König Rudolf von Habsburg 1283 an Weißenau übergebene Heilig-Blut-Reliquie erlangte rasch große Verehrung und wurde wenig später sogar im "Lohengrin" erwähnt. Bis 1783 haben jährlich zwei Reiterprozessionen mit der Reliquie stattgefunden, die erste in die umliegenden Pfarreien, die zweite bis zur Weißenauer Pfarrei Manzell am Bodensee. Mit dem Erwerb der Reliquien des hl. Saturnius (1665) erhielt die Wallfahrt nach Weißenau weitere Impulse.

Geringen Erfolg hatte das Stift im Aufbau territorialer Rechte. Zwar war die Reichsstandschaft der Abtei seit dem 15. Jh. gesichert, die Überleitung der Grundherrschaft in Niedergerichts- und Steuerhoheit wurde von Österreich als Inhaber der Reichslandvogtei Schwaben aber weitgehend verhindert. Sie gelang nur in wenigen Orten (Weißenau, Oberhofen, Taldorf), außerhalb der Landvogtei in der Grafschaft Montfort (Eisenbach und Umgebung von Liebenau) und in der Grafschaft Heiligenberg (Unterteuringen). Hochgerichtsrechte hat Weißenau erst 1760 auf 40 Jahre als österreichisches Pfand erworben. Von den zuletzt rund 300 Lehengütern des Stifts lag nur ein Drittel im eigenen Territorium.

Im Reichsdeputationshauptschluss 1803 mit Schussenried der Gräfin Augusta von Sternberg-Manderscheid zugesprochen, verlor die "Grafschaft Weißenau" durch österreichische Epaven sofort 20.000 Gulden von den mit 27.000 Gulden angenommenen Jahreseinnahmen. Durch Vertrag vom 3. Februar 1805 trat die Gräfin die Herrschaft Weißenau gegen Rückgabe der Schussenrieder Epaven an Österreich ab. Obwohl die österreichische Besitzergreifung für den 21. September 1805 bezeugt ist, konnte sich Sternberg nach dem Zusammenbruch der habsburgischen Position in Schwaben 1806 als Inhaber der Herrschaft Weißenau behaupten. Durch die Rheinbundakte 1806 von Württemberg mediatisiert, war die Herrschaft 1809-1811 beschlagnahmt, danach als Standesherrschaft anerkannt. 1835 verkaufte das Haus Sternberg die Herrschaften Schussenried und Weißenau an Württemberg. In Weißenau wurde 1840 eine Bleicherei eingerichtet, ab 1888 kam eine "Irrenanstalt" hinzu. Die Doppelnutzung der ehemaligen Klosteranlage durch Industrie und Psychiatrisches Krankenhaus hat sich bis zur Gegenwart erhalten.

Vom mittelalterlichen, in Ansichten des 16. und 17. Jh. dokumentierten Kloster ist nur ein Gebäude (zuletzt als Kellerei genutzt) erhalten geblieben. Auf Initiative des Abtes Leopold Mauch (1704-1722) ist nach Plänen von Franz Beer 1708-1714 ein neuer Konventbau, 1717-1724 eine neue Kirche St. Peter und Paul entstanden; vom Vorgängerbau wurde nur der 1628-1631 errichtete Chor beibehalten. Die meisten Nebengebäude sind unter Abt Anton Unold (1724-1765) neu entstanden und zum Teil bis heute erhalten geblieben.

GEORG WIELAND     
LITERATUR
-<ERZBERGER> 378ff.
- <Württ. Klosterbuch> 506-509 (G. WIELAND).
- <KDW Ravensburg> 77-118.
- FR. L. BAUMANN: Acta s. Petri in Augia. In: <ZGO> 29 (1877) 1-128.
- J. MURERS: Weißenauer Chronik des Bauernkrieges von 1525. Hrsg. v. G. FRANZ unter Mitarbeit v. W. FLEISCHHAUER. Sigmaringen 1977.
- Necrologium Augiae Minoris. In: <MGH Necr. Germ.> I. Berlin 1888 (ND München 1983), 153-165.
- P. EITEL (Hg.): Weißenau in Geschichte und Gegenwart. Sigmaringen 1983.
- U. RIECHERT: Oberschwäbische Reichsklöster im Beziehungsgeflecht mit Königtum, Adel und Städten (12. bis 15. Jh.): Dargestellt am Beispiel von Weingarten, Weißenau und Baindt. Frankfurt a.M. 1986.
- O. BECK: Einstige Abtei- und heutige Pfarrkirche Sankt Peter und Paul Weissenau. Regensburg 1995.
- H. BINDER (Hg.): 850 Jahre Prämonstratenserabtei Weißenau 1145-1995. Sigmaringen 1995.
- U. G. LEINSLE: Die Ordensreform des 17. Jh. im Alltag einer schwäbischen Reichsabtei: Die Consuetudines Minoraugienses. In: Analecta Praemonstratensia 72 (1996) 200-234.
- G. WIELAND: Ökonomische Grundlagen und Baufinanzierung im Prämonstratenserstift Weißenau im frühen 18. Jahrhundert. In: M. HERZOG / R. KIESSLING/ B. ROECK (Hg.): Himmel auf Erden oder Teufelsbauwurm? Wirtschaftliche und soziale Bedingungen des süddeutschen Klosterbarock. Konstanz 2002, 195-232.
- G. WIELAND: Vom Prämonstratenserstift zur sternbergischen Herrschaft: Die Säkularisation des Reichsstifts Weißenau. In: <Alte Klöster - neue Herren>.
QUELLEN
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart B 523: Weissenau, Prämonstratenserkloster
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart B 529: Weissenau, Prämonstratenserkloster
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 14 Bd. 276-288: Diplomatare
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 235: Lagerbücher der Klöster und Stifte: Waldkirch-Würzburg
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 51: Kaiserselekt
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 1 Nr. 203: Allgemeine Sammlung von ungedruckten Schriften zur Landesgeschichte
-Hauptstaatsarchiv Stuttgart N 36: Karten und Pläne des Prämonstratenserklosters Weißenau
-Generallandesarchiv Karlsruhe 114: Heiligenberg
-Generallandesarchiv Karlsruhe 225: Überlingen, Stadt
-Generallandesarchiv Karlsruhe 69 Rinck von Baldenstein: Familien- und Herrschaftsarchiv Rinck von Baldenstein
-Generallandesarchiv Karlsruhe 70 Obereggenen:
-Generallandesarchiv Karlsruhe 98: Salem
-Generallandesarchiv Karlsruhe D: Kaiser- und Königsurkunden 1200-1518
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